Polizei Das Video aus Berlin zeigt, wie junge Männer einen Obdachlosen schlagen. Seit Freitag läuft die Öffentlichkeitsfahndung.

Videoüberwachung

Warum Kameras an Bahnhöfen richtig sind

Die Gegner widerlegen Argumente, die fast niemand mehr bringt.

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In der Rhetorik gibt es das sogenannte "Strohmann-Argument". Davon spricht man, wenn jemand die These des Gegners verzerrt, übertrieben oder falsch darstellt, um sie dann mit Leichtigkeit widerlegen zu können. Am Thema Videoüberwachung an Bahnhöfen lässt sich das seit Jahren gut illustrieren: Dem Strohmann wird unterstellt, dass er Kameras als Allheilmittel sieht; mehr Kameras, das bedeutet automatisch mehr Sicherheit; Schurken gehen dann lieber zum Bingospielen; die Bürger fühlen sich rundum sicher und entspannt - so oder ähnlich schlicht werden die Thesen der "Überwachungsstaatsfanatiker" gerne zusammengefasst. 

In der Realität gibt es inzwischen kaum noch jemanden, der so argumentiert, nicht einmal CSU-Landräte aus Hintertupfing, die den dicken Max markieren wollen. Natürlich verhindern Videokameras nicht massenhaft Straftaten, insbesondere nicht jene, die erkennbar spontan begangen werden. Ob sie das subjektive Sicherheitsgefühl steigern, ist umstritten: Einerseits bestätigen Umfragen diesen Eindruck, andererseits sprechen Soziologen davon, dass die schwarz-weißen Bilder der Gewalt bestehende Unsicherheiten sogar verstärken können. 

Das Hauptargument für die Videoüberwachung ist deshalb auch ein anderes: die Aufklärung bereits begangener Verbrechen. So fahndet die Berliner Polizei seit diesem Freitag öffentlich mit Bildern nach drei jungen Männern, die einen Obdachlosen verprügelt haben. Die Chance, dass sie in den nächsten Stunden identifiziert werden oder sich selber stellen, ist hoch. Es wäre nicht das erste Mal. Um Beispiele aus den vergangenen Monaten zu finden, muss man nicht lange recherchieren:

  • Am Weihnachtsabend 2016 versuchen junge Männer in Berlin, einen Obdachlosen anzuzünden. Videoaufnahmen zeigen sie danach feixend in der U-Bahn. Sechs der sieben Täter stellen sich nach der Öffentlichkeitsfahndung.
  • Im Oktober 2016 stößt ein Mann eine Frau im Berliner Stadtteil Neukölln eine U-Bahn-Treppe herunter. Die Kamera zeichnet die Tat auf. Der Täter wird identifiziert und vor Gericht gestellt. 
  • Im März 2017 rauben drei Männer einen 18-Jährigen in Leipzig aus und bedrohen ihn mit einem Messer. Die Videokamera der Straßenbahn hat sie auf Band. Hinweise führen zur Festnahme.
  • Im März 2017 fragen zwei Männer und eine Frau einen 39-Jährigen in der Berliner Straßenbahn, ob er schwul sei. Als er dies bejaht, schlagen sie auf ihn ein, zertrümmern eine Flasche auf seinem Kopf. Die Öffentlichkeitsfahndung hat Erfolg. 
  • Im März 2017 wird im Berliner Mauerpark eine Joggerin mit einem Ziegelstein zusammengeschlagen und beraubt. Die Polizei veröffentlicht Fotos des Mannes. Festnahme.

Dies ist nur eine kleine Auswahl. Es gibt weit mehr Fälle, in denen die Kameras Fahndungserfolge zumindest unterstützt haben; häufig wäre der Täter ohne sie überhaupt nicht gefasst worden. Zeugen, sofern überhaupt vorhanden, können meistens nur eine vage Täterbeschreibung abgeben. 

Schutz vor weiteren Verbrechen des gleichen Täters

Bei den Videoaufnahmen ist das anders: Oft erkennen Verwandte, Freunde oder flüchtige Bekannte den Gesuchten und geben Hinweise. Der Fahndungsdruck wird in vielen Fällen so groß, dass die Tatverdächtigen sich kaum mehr trauen, ihre Wohnung zu verlassen und nach wenigen Tagen mit oder ohne Anwalt bei der nächsten Polizeidienststelle vorstellig werden. 

Das Argument, dass Videoüberwachung niemals Straftaten verhindert, erhält dabei auch Kratzer, setzt es doch voraus, dass es sich bei den Taten um einmalige Ausrutscher handelt und die Kriminellen danach nicht mehr zugeschlagen. Eine sehr optimistische Annahme. Gelingt die Festnahme, kann die Öffentlichkeit womöglich vor weiteren Verbrechen geschützt werden. Wie viele Täter sich angesichts von Kameras gerade noch zurückhalten, ist zudem kaum messbar.

Reflexhaftes Schimpfen auf den Reflex

Politiker, die gegen die Videoüberwachung oder andere Sicherheitsmaßnahmen sind, kritisieren gerne den "Reflex" der Befürworter. Andere als reflexhaft darstellen, gilt offenbar als besonders ausgeruht und steigert das eigene Überlegenheitsgefühl. 

Dabei gibt es häufig nach Verbrechen, die die Öffentlichkeit erschüttern, noch nicht einmal die Forderung nach mehr Überwachung, da wird schonmal vorsichtshalber die Warnung vor dem Reflex über alle nur möglichen Kanäle verbreitet, meist mit dem pathetischen Zusatz, dass dann die Terroristen gewonnen hätten. Das ist mindestens genauso reflexhaft. Und kein adäquater Ersatz für Politik.

Wird die Angst vor dem Überwachungsstaat inflationär geschürt, bei jeder Gelegenheit von George Orwells "1984" schwadroniert (muss man offenbar nicht gelesen haben, um den fast immer übertriebenen Vergleich ziehen zu können), besteht obendrein die Gefahr, dass die wirklichen Angriffe auf Freiheit und Privatsphäre untergehen. Schon ironisch, wenn die Anbringung einer Rolltreppenkamera in Berlin-Gesundbrunnen als nächster Schritt in den Totalitarismus kommentiert wird - in sozialen Netzwerken, deren Betreiber die Privatsphäre oft weit weniger achten, als der Staat es tut.


Anderer Meinung? Lesen Sie hier einen Gastbeitrag von Christopher Lauer.