Amazon-Software "Rekognition"

Der Scandal

Die US-Polizei nutzt ein neues Programm, das Personen identifizieren und verfolgen kann. Bürgerrechtler fürchten die totale Überwachung.

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George Orwells dystopischer Roman "1984" führt wieder die Bestsellerlisten an. Der 1948 herausgekommene Roman, in dem es um die totale Überwachung geht, ist ein Verkaufsschlager. Bei Amazon war das Buch zeitweise ausverkauft.

Ausgerechnet Amazon. Der Online-Händler ist gerade dabei, die schlimmsten Befürchtungen aus dem Buch Wirklichkeit werden zu lassen. Amazon bietet eine Software an, die es möglich macht, Personen in Echtzeit zu identifizieren und zu verfolgen. Diese Software mit dem Namen "Rekognition" wird bereits bei mehreren Polizeibehörden in den USA benutzt. Bürgerrechtler werfen Amazon vor, ein "mächtiges Überwachungssystem" zu schaffen. Lesen Sie hier die Hintergründe.

Was kann die Software "Rekognition"?

Lag die Trefferquote bei Gesichtserkennungsprogrammen noch vor wenigen Jahren um die 90 Prozent, hat man inzwischen bis auf wenige Promille die 100 Prozent erreicht. "Rekognition" aber kann noch mehr. Es kann Objekte erkennen und Aktivitäten, ein Fahrrad etwa oder Landschaften, aber auch ein Fußballspiel oder das Trinken aus einem Weinglas. Das Programm lernt ständig dazu und verbessert sich laufend, verspricht Amazon.

GEORGE FREY/GETTY IMAGES US-Polizist in Utah mit einer Kamera, die an seiner Brille montiert ist.

Die Technologie beherrscht nach früheren Angaben von Amazon "Gesichtserkennung in Echtzeit über mehrere zehn Millionen Gesichter und Suche von bis zu 100 Gesichtern in anspruchsvollen, überfüllten Fotos". Ist eine Person erst einmal identifiziert, kann sie auch unter schwierigen Umständen etwa an Gang und Haltung erkannt und verfolgt werden.

Das Programm kann laut Amazon sogar "Gefühle wie Glück, Traurigkeit oder Überraschung" in Gesichtern lesen. Und es kann Personen in allen möglichen Datenbanken finden, also etwa in unsortierten Videos und Fotosammlungen.

Wo wird die Software schon eingesetzt?

Die Polizeibehörden von Orlando, Florida, und die Washington County Sheriff’s Office in Oregon nutzen das Amazon-Programm. In Orlando wertet die Polizei Filmaufnahmen von Überwachungskameras, Body-Cams und Drohnen aus. Ein Sprecher sagte der "New York Times", man sei noch in der Testphase und nutze das Programm nicht zur Strafverfolgung. Aber wie lange noch? "Wir sind immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die Sicherheit der Bürger und Besucher von Orlando zu verbessern", zitiert ihn das Blatt.

Ein Sprecher des Washington-County-Sheriff-Büros sagte, man setze "Rekognition" nicht zur Massenüberwachung ein, sondern lediglich "zur Identifizierung von Verdächtigen bei Ermittlungen".

DAVID MCNEW/GETTY IMAGES Body-Cam eines Polizisten in Los Angeles.

Grundsätzlich aber ist mit dem Programm vieles möglich. Der britische Fernsehsender Sky News etwa nutzte "Rekognition" zur automatischen Identifizierung prominenter Gäste auf der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle am vergangenen Wochenende.   

Was sagt Amazon?

Amazon sieht Polizeibehörden offenbar als gute Kunden. Das Unternehmen hatte in einer Mitteilung zum Ausbau des Funktionsumfangs von "Rekognition" eine "zeitnahe und präzise Verbrechensprävention" hervorgehoben. Die Identifizierungszeit für Verdächtige sei bereits durch den Einsatz der vorherigen Version "von zwei bis drei Tagen auf wenige Minuten" gesunken. Mittlerweile komme die Antwort "nahezu in Echtzeit".

Amazon wirbt damit, dass "Rekognition" helfe, Entführungsopfer zu finden oder vermisste Kinder in Freizeitparks. "Unsere Lebensqualität wäre heute viel niedriger, wenn wir neue Technologie verbieten würden, weil einige Leute sie missbrauchen könnten", teilte das Unternehmen mit.

So ist es mit jeder Technologie: Sie kann zum Nutzen oder zum Schaden von Menschen angewendet werden.

Als ein Amazon-Vertreter Anfang dieses Monats in Seoul, Südkorea, behauptete, mit "Rekognition" lasse sich in Orlando jederzeit der Aufenthaltsort des Bürgermeisters feststellen, dementierte die Stadt sofort.

Was sagen die Kritiker?

Die "American Civil Liberties Union" (ACLU) und mehr als zwei Dutzend weitere US-Bürgerrechtsorganisationen haben Amazon in einem offenen Brief aufgefordert, das Projekt zu stoppen und "Rekognition" nicht mehr an Strafverfolgungsbehörden zu verkaufen. Das Programm diene eher dazu, Menschen zu überwachen als daran zu hindern, Straftaten zu begehen.

Die Regierung könne damit etwa dauerhaft Einwanderer verfolgen oder anhand von Bildern aus Body-Cams Demonstranten erkennen. Schon heute könnten so rund 130 Millionen Amerikaner identifiziert werden.

JOHN MOORE/GETTY IMAGES Bilder aus Überwachungskameras der New Yorker Polizei in Manhatten.

Es mache zudem einen Unterschied, ob ein kleines Softwareunternehmen einer Polizeibehörde ein Programm verkaufe oder ein weltweiter Konzern Überwachungstechnik als Massenware anbiete.

"Rekognition" biete Staaten die Möglichkeit, ein System zur automatischen Identifizierung und Verfolgung seiner Bürger aufzubauen. "Jedermann hat das Recht, eine Straße entlangzugehen, ohne dabei von den Behörden beobachtet zu werden", schreibt ACLU. Wenn solche Technik erst einmal etabliert sei, werde es schwer, sie wieder abzuschaffen.

Gibt es ähnliche Technik in Deutschland?

Intelligente Kameras mit Gesichtserkennungssoftware sind seit einigen Monaten am Berliner Bahnhof Südkreuz im Testbetrieb. Bundespolizei, Bundeskriminalamt und Bahn probieren, wie zuverlässig diese Technik im Alltag eines Bahnhofs eingesetzt werden kann.

MARKUS SCHREIBER/AP/DPA Überwachung am Bahnhof Südkreuz: Der Monitor rechts zeigt den ehemaligen Innenminister Thomas de Maizière.

Der erste Versuchsabschnitt zur Gesichtserkennung ist bereits abgeschlossen und hat funktioniert. In einem zweiten Test werden andere Dinge ausprobiert. So soll die Software verdächtige Personen am Verhalten erkennen. 

Wenn etwa Menschen eine Rolltreppe mehrfach rauf- und runterfahren, könnte es sich um Taschendiebe handeln. Auch wenn es plötzlich irgendwo hektisch wird, soll das System das Sicherheitspersonal aufmerksam machen. Alles, was aus der Norm fällt, ist verdächtig.

Die Software soll auch Alarm auslösen, wenn ein Gepäckstück steht, wo es nicht hingehört, oder ein Mensch mit Koffer oder Rucksack den Bahnhof betritt, ihn aber ohne wieder verlässt. Die Idee dahinter: Darin könnte eine Bombe versteckt sein.