Eine Karte, die in linksextremen Kreisen kursiert, zeigt unter anderem, wo der Klassenfeind wohnt - markiert mit Geldsäcken.

G20-Gipfel

Die Selbstgerechten

Die hässliche Seite des Protests: Autonome markieren angebliche Reichenviertel und nötigen Ladenbesitzer. Ein Kommentar.

LESEZEIT 3min

Der Mittelweg im Stadtviertel Rotherbaum ist mit einem Geldsack markiert. "Schön wär's", schreibt DAILY-Leserin Veronika S. der Redaktion. Am Mittwochabend hat sie mit ihrer Familie Hamburg verlassen, weil ihr Wohnort auf einem Autonomen-Stadtplan ("Action Map") als Bonzen-Hochburg und damit mögliches Angriffsziel identifiziert wurde.

"Unsere Söhne (9 und 15) haben richtig, richtig Angst, dass die Fenster eingeschmissen werden oder Schlimmeres passiert. Und nachdem Autonome vor ein paar Wochen einen Mini (!) direkt vor unserem Haus angezündet hatten, haben wir unser 30 Jahre altes Wohnmobil auf dem Land abgestellt." Jetzt Hamburg zu verlassen, habe sich wie eine Flucht angefühlt. 

In die Fenster ihrer Hochparterre-Wohnung ("günstiger als viele Wohnungen in der Schanze") hat die Familie ein paar Anti-G20-Plakate gehängt. Um die potenziellen Randalierer zu besänftigen.

 "Kein G20. Verschont unser Geschäft!"

So machen es auch Ladenbesitzer im Schanzenviertel. Aktivisten aus dem Umfeld der Roten Flora haben Plakate mit der Aufschrift "No G20. Spare our store!" verteilt. Übersetzt: "Kein G20. Verschont unser Geschäft!" Mit Englisch geht man wohl auf Nummer sicher, schließlich haben sich viele gewaltbereite Gipfel-Gegner aus dem Ausland angekündigt.

Nicht alle Geschäftsleute haben ein Plakat erhalten. Shops, in denen zum Beispiel Markenklamotten zu haben sind, dürfen eher nicht damit rechnen, mit dem begehrten Papier ausgestattet zu werden. Offenbar wird selektiert zwischen jenen, die ein eingeschlagenes Fenster verdient haben (schönfärberisch "Entglasung" genannt) und jenen, die mit fair gehandelter Öko-Mode in die eigene Weltanschauung passen. 

Die Tageszeitung "Die Welt" berichtet sogar von "Schutzgelderpressungen": Wer ein bestimmtes Plakat der Welcome-to-Hell-Demo will, soll 20 Euro "Unkostenbeitrag" zahlen - sonst müsse er damit rechnen, dass sein Eigentum beschädigt werde. Als Quelle wird eine Ladenbesitzerin im Schanzenviertel genannt.

Lieber mit den Wölfen heulen

Manche Händler haben sich kurzerhand selber Plakate gebastelt, auf denen sie artig auf die G20 schimpfen. Vielleicht wirkt das ebenfalls und wird von den Bessermenschen als angemessene Demutsgeste akzeptiert. Für den Gipfel sein? Eine Haltung, die man als Ladenbesitzer gerade besser verschweigt. Lieber mit den roten Wölfen heulen.

Das Blog Salonkolumnisten fragt: "Was wäre, wenn das Schanzenviertel nicht von links, sondern von rechts dominiert würde? Wenn Aktivisten des Nationalen Widerstands Poster verteilten mit der Aufschrift: Deutscher Besitzer. Verschont diesen Laden!" Ein völlig abwegiger Gedanke?

Banker sollen keine Anzüge tragen

Die Commerzbank hat unterdessen ihre Mitarbeiter dazu aufgerufen, während des Gipfels nicht im Anzug zur Arbeit zu kommen. "Wir wollen nicht provozieren", sagt eine Sprecherin. So wie Joggerinnen mit grünen Haaren und schwarzer Kleidung einen schweren Stand haben, wenn sie derzeit einfach nur die Messehallen umrunden wollen, fürchten sich die Banker vor Schikanen. 

Völlig grundlos ist ihre Angst nicht: Auf der Seite linksunten.indymedia.org, einer der wichtigsten linksextremen Plattformen gegen den G20-Gipfel, wird die Commerzbank als "anzugreifendes Ziel im Zusammenhang des kapitalistisch ausbeutenden G20-Gipfels" ausgemacht. 

"Überlegt Euch Ziele und greift sie an!"

Zugegeben: Ob am Freitag und Samstag überhaupt etwas passiert, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt, Donnerstagabend 17 Uhr, nicht beantworten. Vielleicht erweisen sich die im Internet kursierenden Drohungen ("Überlegt Euch Ziele, die für die Infrastruktur wichtig sind, und greift sie an!") als leer. 

Festhalten lässt sich aber schon jetzt: Angebliche Reichenviertel markieren (in denen überwiegend ganz normale Familien leben) und Geschäfte bestimmen, die bei Krawallen verschont werden sollen - das ist kein Höhepunkt demokratischer Kultur. Die viel beschworene Freiheit des Andersdenkenden gilt offenbar nur, wenn der Andere zufällig die gleiche Meinung wie man selber vertritt. Das kennt man von Rechts, es lässt sich aber auch im anderen Extrem beobachten.

Unangenehm ist das nicht nur für Anwohner, Berufstätige und Ladenbesitzer, sondern auch für die friedlichen und kreativen Protestler, die in diesen Tagen die überwältigende Mehrheit bilden: Sie werden mit mehr Argwohn betrachtet und müssen unter einer Minderheit von Idioten leiden.


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