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Psychologie der G20-Spitzen

Narzissten unter sich

Eine Psychologin über das Treffen der Mächtigen: Wie deren Egozentrismus sogar hilfreich sein kann.

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Selten war der G20-Gipfel von so viel Spannung im Vorfeld begleitet wie in diesem Jahr. Trump, Putin, Erdogan, Xi Jinping: Wie werden die Mächtigen aufeinander reagieren? Wie hat Erdogan die Zurückweisung über die Absage seines Auftritts vor Anhängern in Deutschland weggesteckt? Wird er durch diese Kränkung aggressiv oder ist er versöhnt, weil er ein Teil des höchsten Machtzirkels ist? Was wird zwischen Putin und Trump passieren? 

Viele offene Fragen, die keiner mit Sicherheit beantworten kann. Das liegt auch daran, dass Menschen mit narzisstischen Strukturen so schwer einschätzbar sind. Entweder verstecken sie sich hinter einem Pokerface oder sie sind kränkbar und es kommt zu offenen Konflikten. Es kann aber auch sein, dass sie mit stolz geschwellter Brust im Kreis der Mächtigen ihre Selbstüberhöhung nähren.

Inhaltlich sind die Gräben tief. Besonders Trump könnte für Wirbel sorgen, da sich seine Position der Abschottung und aggressiven Rhetorik immer stärker gegen die Gemeinschaft und die Globalisierung richtet.

"Schottest du dich ab, dann öffne ich mich erst recht"

Im narzisstischen System bedeutet jedes Eingehen auf die Vorstellungen Anderer und das Sorgen für die Allgemeinheit einen Machtverlust für die eigene Position. "America first" (oder allgemein gesagt "We first") ist die Kurzformel, verbunden mit der Unterdrückung von Kritikern und der Wut gegen Andersdenkende. In einer solchen Haltung steht der eigene Profit an erster Stelle oder wird zum Selbstzweck.

Wie soll da eine Einigung unter 20 Staaten stattfinden? Die Gefahr der Spaltung in offene und geschlossene Systeme droht, in zukunftsgerichtete Öffnung und rückwärtsgewandte Abschottung. 

Beim G20-Gipfel treffen diese Positionen aufeinander - und es könnte eine Konkurrenz darüber geben, wer es "besser" macht: "Schottest du dich ab, dann öffne ich mich erst recht." 

Das wäre zwar keine inhaltliche Entscheidung mit dem Ziel, Schaden von der Welt und dem Finanzsystem abzuwenden, sondern die Demonstration eigener Größe und Überlegenheit. Es hieße aber auch, dass sie sich mit jenen verbünden, die für eine freie Welt, den Klimaschutz und Freihandel werben. 

Auf diese Weise würde ausgerechnet der narzisstische Drang, besser zu sein als die anderen, die nicht kooperieren, dem Fortschritt und der Verständigung dienen. Die Welt hätte es dringend nötig.