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Kims Angst

Der Gaddafi-Fluch

Warum Nordkoreas Diktator im Atom-Poker mit den USA fürchten muss, wie Libyens Ex-Herrscher zu enden.

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Eigentlich ist alles klar: US-Präsident und der nordkoreanische Diktator haben sich verabredet. Das Datum: 12. Juni. Der Ort: Singapur, der sagenhaft reiche südostasiatische Stadtstaat. (Mehr über die wechselhafte Beziehung der beiden lesen Sie bei DAILY hier.)

Der Grund für das historische Treffen: Der 71 Jahre alte Mann aus Washington und der Mittdreißiger aus Pjöngjang wollen im Gespräch einen Wandel durch Annäherung zwischen den beiden verfeindeten Staaten erreichen.

Es wäre das erste Treffen überhaupt zwischen einem US-Präsidenten und einem nordkoreanischen Machthaber. Doch nun droht das Regime mit einer Absage der Zusammenkunft, denn die Vereinigten Staaten pochen auf eine des Staates.

imago/i Images Die Skyline von Singapur.

Nordkoreas stellvertretender Außenminister Kim Kye Gwan sagte diese Woche, das Regime müsse noch einmal über die Begegnung nachdenken, Washington in jedem Fall aufhören zu drohen. Zudem schloss er eine Abrüstung nach dem Vorbild Libyens aus.

Donald Trump selbst brachte nun am Donnerstag einiges durcheinander. Wenn Nordkorea ein De-Nuklearisierungsabkommen unterzeichne, werde es "starke Sicherheiten" bekommen, sagte er. Wenn Kim Jong Un sich jedoch weigere, drohe ihm das "Libyen-Modell". 

Er meinte damit fälschlicherweise den Kampfeinsatz der Anti-Gaddafi-Allianz von 2011, der den Sturz des libyschen Machthabers beschleunigte, und nicht das Atomprogramm, das Gaddafi nach Verhandlungen mit der internationalen Staatengemeinschaft 2003 aufgab.

Was ist das Libyen-Modell?    

Das nordafrikanische Land ist seit sieben Jahren ein "failed state" mit mehreren rivalisierenden Regierungen und vielen marodierenden Milizen. Zuvor war Libyen unter jahrzehntelang eine Diktatur.

Der exzentrische Gewaltherrscher ließ seine Forscher und Militärs an einem geheimen Atomprogramm arbeiten. Er gab dieses aber 2003 auf internationalen Druck hin auf. Die Internationale Atomenergiebehörde durfte die Atomanlagen inspizieren und fand vor Ort hoch angereichertes Uran, das für den Bau einer Atombombe geeignet gewesen wäre.

SALAH MALKAWI / GETTY IMAGES Muammar al-Gaddafi regierte jahrzehntelang in Libyen.

Die Gegenleistung für die Aufgabe seiner atomaren Drohkulisse: Gaddafis Pariastaat wurde wieder hoffähig, Wirtschaftssanktionen eingestellt. 

Als die sogenannte "" 2011 in Libyen ausbrach und es zu landesweiten Aufständen kam, ging Gaddafi brutal gegen die Rebellen vor – bis schließlich eine internationale Allianz mit Uno-Mandat das Regime bombardierte und damit den Sturz beschleunigte. Gaddafi hatte nichts mehr, mit dem er drohen konnte. Angeführt wurde dieses Bündnis von den Vereinigten Staaten.

Was will Trumps Sicherheitsberater Bolton?    

John Bolton, der neue Nationale Sicherheitsberater von Trump, sagte unmittelbar nach seiner Ernennung im April dieses Jahres dem US-Sender Fox News mit Blick auf die De-Nuklearisierung Nordkoreas: "Uns schwebt das Libyen-Modell von 2003, 2004 vor."

Der 69-jährige Bolton gilt als neokonservativer Politiker und außenpolitischer Hardliner. In der Vergangenheit hat er öffentlich einen militärischen Erstschlag der USA gegen Nordkorea gefordert. 

In Pjöngjang ist man schlecht auf Bolton zu sprechen. Nicht nur wegen seiner jüngsten Äußerungen, sondern auch aufgrund der Rolle, die er als Staatssekretär für Rüstungskontrolle und Internationale Sicherheit unter George W. Bush innehatte.

MARK WILSON / GETTY IMAGES John Bolton ist Nationaler Sicherheitsberater - und außenpolitischer Hardliner.

In dieser Funktion nahm er 2003 an den Sechsparteiengesprächen zum nordkoreanischen Atomprogramm als Delegierter teil - und flog wieder raus, nachdem er , den verstorbenen Vater des heutigen nordkoreanischen Machthabers, als "tyrannischen Diktator" bezeichnet hatte.

Wovor hat Nordkorea Angst?    

Dem Regime in Nordkorea dürfte der rüde Ton von Bolton ebenso wenig gefallen wie die Verbalausfälle von Trump. Der hatte Kim Jong Un noch vor einem halben Jahr als "Raketenmann" verspottet. 

OLIVIER DOULIERY / GETTY IMAGES Donald Trump glaubt weiter an ein Treffen mit Kim Jong Un.

Zudem hat der US-Präsident vor wenigen Tagen das mühsam ausgehandelte internationale mit Iran einseitig aufgekündigt. Für Pjöngjangs Analysten – und nicht nur für diese – ein Zeichen dafür, dass die gegenwärtige US-Regierung sich nicht an Verträge hält.

Auch gibt es gegenwärtig wieder einmal Ärger um ein zweiwöchiges Militärmanöver, das die USA mit und in Südkorea abhalten und bei dem ein Angriff aus dem Norden simuliert wird. 

Die seit 2009 alljährlich abgehaltene Übung, Codename "Max Thunder", ist nach Angaben des Pentagon ausschließlich defensiver Natur. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur hingegen spricht von einer "bewussten militärischen Provokation".

KCNA / DPA Start einer ballistischen Mittelstreckenrakete in Nordkorea.

Im Vorfeld des geplanten Treffens zwischen Trump und Kim Jong Un versuchen beide Konfliktparteien offensichtlich, nun abermals Druck auf die andere aufzubauen. Dazu zählt auch, dass Nordkorea ein für Mittwoch geplantes Treffen mit Südkorea im Grenzort Panmunjom abgesagt hat. 

Der nordkoreanische Machthaber betrachtet das Atomprogramm und die Raketen seines Landes - die mit Atomsprengköpfen bestückt angeblich das US-amerikanische Festland erreichen können - als Lebensversicherung, mit der er allgemeine Verunsicherung schafft. 

Ohne sein Nuklearprogramm, so die Befürchtung, droht ihm langfristig der Gaddafi-Fluch. 

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