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Debatte

Schule ohne Verhüllung

Feministinnen fordern ein Kopftuchverbot für minderjährige Schülerinnen. Zu Recht. Ein Kommentar.

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Das mit dem "Beifall von der falschen Seite" lässt sich bei kaum einem Thema so gut illustrieren wie bei "Frauen im Islam": wenn Internet-Trolle, die sonst am laufenden Band gegen "frustrierte Emanzen" und "Gender-Wahn" hetzen, plötzlich zu eingefleischten Feministen mutieren. Frauenrechte? Dass die total wichtig sind, fällt manchen Zeitgenossen komischerweise nur dann ein, wenn es gegen den Islam geht. Zu beobachten ist dieses Phänomen gerade an der Debatte um ein Kopftuchverbot für Schülerinnen, das die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert. 

Genüsslich verweisen die Gegner dieses Vorstoßes dann auch auf den Applaus der Falschen, eine der beliebtesten und billigsten Waffen in der politischen Auseinandersetzung. Dabei wäre es der Vorschlag von Terre des Femmes wert, ohne Polemik diskutiert zu werden.

Die Organisation argumentiert, dass Schulen ein Raum sein müssten, in dem junge Mädchen ein weltliches Gesellschaftsmodell erfahren können. Es sei Aufgabe eines aufgeklärten Staates, dass alle Schülerinnen unter denselben Bedingungen aufwachsen können. Populismus ist das, heißt es vor allem von einem Teil der Linken. Ein absurder Vorwurf. 

Niemand, der die Positionen von Terre des Femmes in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird ernsthaft behaupten können, dass sich diese Organisation an den Mainstream anbiedert und der Mehrheit nach dem Mund redet. Meistens ist das Gegenteil der Fall, wofür die Aktivistinnen auch regelmäßig von den eingangs genannten Internetmachos beschimpft werden. Gehört es zum Markenkern einer Frauenbewegung, immer nur Positionen vertreten zu dürfen, für die es keine gesellschaftliche Mehrheit gibt? Manche Kommentare klingen fast danach. Mehrheit? Igitt. (Dabei ist sie beim Kopftuch-Thema gar nicht mal so groß)

Der Druck auf Schülerinnen ohne Kopftuch nimmt zu

Und ist es wirklich so realitätsfremd, wenn die Frauen von Terre des Femmes behaupten, dass jedes Kopftuch mehr auf dem Schulhof den Druck auf die muslimischen Schülerinnen erhöhe, die keines tragen? Einen Druck, den viele Musliminnen kennen, die sich gegen den Willen ihrer Familie dazu entschieden haben, kein Kopftuch zu tragen; einige von ihnen sind bei Terre des Femmes engagiert, wissen also, was sie da fordern und warum. 

Jede Frau könne frei entscheiden, ob sie ein Kopftuch trage, heißt es häufig in der Debatte. Wirklich? Welches zwölfjährige Mädchen hat das Selbstbewusstsein, sich der Verhüllung zu entziehen, wenn ihre Familie, ihre Mutter, ihre Schwestern sich wünschen, dass sie ihre angeblichen Reize bedeckt hält? Eine Schule, in der niemand Kopftuch trägt, erspart diesen Mädchen die Diskussionen im Elternhaus und lässt sie zumindest von morgens bis mittags erleben, wie es ist, wenn alle Köpfe frei bleiben.

Der weibliche Körper als Sünde

Das Kopftuch als reines "Zeichen von Vielfalt" zu verklären, das den Schulhof so schön bunt mache, ist mindestens leichtgläubig. Die Verhüllung ist nicht bloß Mode, sondern hat eine politische und religiöse Dimension. Sie schafft Distinktion: hier gläubig, dort ungläubig; hier die gute Muslima, dort die schlechte; hier tugendhaft, dort "leicht zu haben". Das Konzept Kopftuch, von einer männerdominierten Gesellschaft erdacht, definiert den weiblichen Körper als sündhaft und stempelt den Mann zum potenziellen Triebtäter, der sich nicht im Zaum halten könne, wenn er Frauenhaar erblickt. 

Ein Gedanke, der besonders befremdlich wirkt, wenn es um Kinder geht.


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