Harald Schmidt

Das Schmidtgefühl

Was Loriot für das Nachkriegsdeutschland war, ist er für die Berliner Republik.

LESEZEIT 7min

In diesen Tagen wird SPIEGEL DAILY ein Jahr alt, am 16. Mai 2017 erschien die erste Ausgabe. Wir präsentieren deshalb in den kommenden Wochen die besten Texte, Podcasts und Videos aus den vergangenen zwölf Monaten. Dieser gehört dazu:


"Chefzyniker, Klassenclown, Wanderhure" – solang Harald Schmidt auf dem Schirm war, wühlten die Kritiker im deutschen Wortschatz nach treffenden Substantiven und Invektiven. Als er vor dem Start die Leser von SPIEGEL DAILY fragte, ob er "ab und an das Leben der Deutschen sortieren soll", stimmten 95,8 Prozent von 563.000 Usern mit Ja. 4,1 Prozent wollten, "Schmidt soll endlich die Fresse halten".

Im August 2017 wurde "Deutschlands wichtigster Intellektueller" (Schmidt über Schmidt) 60 Jahre alt; er wird sich fragen: Wie konnte aus dem kleinen Jungen, der in mit dem frisierten Mofa herumgurkte und den Tag damit vertrödelte, Jerry-Cotton-Romane zu lesen, dieser millionenschwere Kerl werden, der auch noch gemocht, geliebt, verehrt wird? 

Nun, genau das wird sich Schmidt nicht fragen, denn er las sich schon mit 16 Jahren von ihm erfundene Feuilleton-Artikel aus der "Zeit" vor, die ihn feierten. Wir Leser allerdings sind uns ein paar Antworten schuldig, Antworten auf die Frage, die seine Karriere an uns stellt.

VIDEO: Best of "Schmidts Daily", Teil 1. Erstes Smartphone, neues Mikro und Filme im Querformat - wie unser Kolumnist 2017 die Technik entdeckte.

Gibt es das richtige Fernsehen im falschen?

Genau in dem Jahr, in dem Harald Schmidt seinen Marsch durch die Fernsehsender der Republik begann, gab der bis dahin klügste Intellektuelle des Landes, , dem Fernsehen den Todesstoß. Es sei das Null-Medium, es verblöde, dem Zuschauer sei klar, "dass er es nicht mit einem Kommunikationsmittel zu tun hat, sondern mit einem Mittel zur Verweigerung von Kommunikation".

In den folgenden Jahren schien es, als sei Schmidt, vorher Kabarettist beim "Düsseldorfer Kommödchen", auf die Mattscheibe gewechselt, um Enzensberger zu bestätigen. In seinen ersten beiden Sendungen "" und "Pssst!" gab sich Schmidt große Mühe, die Zeit totzuschlagen und das Fernsehen der Vergangenheit zu recyceln.

Bei "Verstehen Sie Spaß" (ab 1992) versuchte er, die Zuschauer, die am Samstagabend zum Bier ein paar Streiche mit versteckter Kamera gucken wollten, auf sein Gag-Tempo zu hieven. Das ging natürlich schief.

Erst mit "Schmidteinander" (1993) und der "" (ab 1995) fand er zum Schmidt TV, einer Mischung aus Kammerspiel, Zirkus und TV-Verhöhnung. Er schaffte es, die deutsche Conferencier-Tradition von , Hans Joachim Kulenkampff und Rudi Carrell mit der politischen Coolness der US–Hosts , Jay Leno und David Letterman zu kreuzen. Und öffnete dadurch das Fernsehen für all die Deutschen wieder, die Enzensberger ins Nullmediumabseits gefolgt waren. Diese Heimkehrer fühlten sich dann auch bei Hape Kerkeling, Günther Jauch und Anke Engelke zu Hause.

VIDEO: Best of "Schmidts Daily", Teil 2. Wunschkoalitionen und Fast-Minister: Was unser Kolumnist 2017 über die politische Elite dachte.

Wie kann man den Ernst der Lage belächeln, ohne als ignorant oder dumm zu gelten?

Schmidts Humor ist so erfolgreich, weil er lagerübergreifend funktioniert. Er ist antibürgerlich und bürgerlich zugleich, konservativ und emanzipatorisch, frauenfeindlich und männerfeindlich. "85 Prozent aller Frauen finden ihren Arsch zu dick, aber 5 Prozent heiraten ihn trotzdem."

Schmidt gelang es, aus der Hysterie der Abendnachrichten die Luft herauszulassen; beruhigt euch, wenn mir dazu noch ein Spruch einfällt, kann es nicht ganz so schlimm sein. Seine Weltanschauung wirkt wie ein guter Joint: Haltet euch die Krisen der Welt vom Leib, geht zur Wahl, Europa ist besser als nichts, Kirche hilft, erzieht eure Kinder, lasst die Lebenslügen: "Ich verlasse meine Frau, aber die Kinder sollen nicht darunter leiden".

Sein hintergründiges Spiel mit der lässt die Achtundsechziger über sich selbst lächeln, und alle anderen über sie lachen. Er schlägt das Korrekte mit dem Inkorrekten und das Inkorrekte mit sich selbst. "Ein negativ grundierter fröhlicher Optimist", so klassifiziert  Schmidt dieses Schmidtgefühl, das den Zeitgeist vieler Deutscher beschreibt.

Ein Mann ohne Werte? Nein, aber das Grundgesetz reicht ihm eigentlich, dazu die zehn Gebote. Und: Respekt vor dem Erfolg, also auch vor Helmut Kohl, den Flippers und Mario Barth. Wichtig: Beleidige nur Leute ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro aufwärts. Und glaube nicht, dass man als Kabarettist, Künstler oder Moderator dafür verantwortlich ist, aus Deutschland ein besseres Land zu machen. ? Nur wenn es Spaß macht, also postmodern.

Was sagt die Karriere von Harald Schmidt über die Lage der Nation?

Als Schmidt 1988 auf dem Schirm erschien, da gab es Deutschland noch gar nicht. Es gab die DDR mit Angela Merkel in FDJ-Bluse, mit der Fernsehshow "Ein Kessel Buntes" und der Agitprop-Sendung "Der schwarze Kanal"; und es gab die BRD mit Helmut Kohl, mit "Panorama" und der "ZDF-Hitparade".

Harald Schmidt war der große Kommunikator, er beleidigte von West nach Ost, von Ost nach West, er versöhnte kurz vor Mitternacht den Grünen ebenso mit dem Gang der Dinge wie den Sozialdemokraten, den Liberalen, den Konservativen. Die geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl nicht gelang, vollzog Harald Schmidt auf seine Art. Er entstaubte das Nachkriegsfernsehen, ließ uns ahnen, was "jüdischer Humor" ist (was immer das ist), und ebnete Rot-Grün wahrscheinlich den Weg, ohne es zu wollen. 

Steile These? Ja. Auf jeden Fall wurde Schmidt zum Gesicht des neuen Deutschlands, genauso wie er zehn Jahre später zur großen Koalition auf zwei Beinen wurde. 

VIDEO: Best of "Schmidts Daily", Teil 3. Hugh Hefner, Ronaldo, die Rente: Diese Themen haben unseren Kolumnisten 2017 bewegt.

Wenn ein Mann sein will wie Harald Schmidt, bekommt er dann die schönen, klügeren, besseren Frauen?

Es gebe keinen Komiker, so hat Schmidt gewarnt, der Erfolg bei Frauen hatte, bevor er Komiker wurde. Zum Komiker werde der Mann, der aus einem Gefühl des Missachteten und Unterschätzten heraus versucht, witzig zu sein.

SAT.1 / JUERGENS Zu Gast beim Feministen Harald Schmidt: Samantha Fox, 1997.

Das ist bei so vielen Männern schiefgegangen, dass man allen Missachteten und Unterschätzten davon abraten muss. Die Wahnsinnsfrauen, die in Schmidts Sendungen zu Gast waren, sind allerdings der Grund, warum so viele Männer auf Kleinkunstbühnen und im Fernsehen versuchen, den schmidtschen Humor, seinen Sarkasmus, seine Schlagfertigkeit zu imitieren.

Woran erkennt man die armen Kerle? Sie nutzen wie er die Affirmation als Waffe und den Superlativ als Mittel des Spotts ("die Größte, die Wunderbarste"), sie lügen durchschaubar dreist ("du bist noch schöner als beim letzten Mal"), sie nerven mit Ticks (Brille, Wasser, Anzüge), sie protzen mit Halbbildung. Der Unterschied: Schmidt ist ein Bildungsprotz, der weiß, wo seine Halbbildung endet.

Möchte eine Frau einen Mann wie Harald Schmidt haben, oder ist das zu anstrengend?

Das Angenehme an Harald Schmidt ist, dass er sein Privatleben nicht zum Opfer seines Spotts macht, auch seine Ex-Frauen halten sich zurück. 

In längeren TV-Interviews und bei Liveveranstaltungen äußert Schmidt sich gelegentlich privat, widerwillig, wenn die Fragesteller vordringen bis zu seinen Gefühlen bei der Geburt seiner Kinder. Aber die Antworten kommen so erpresst rüber, dass wir sie lieber auf YouTube lassen wollen. 

Seine Frauenwitze sind so, dass er sie unmöglich privat verwenden dürfte. "Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal." Seine Männerwitze sind so selbstironisch, dass sie auch privat zünden könnten: "Jeder zweite deutsche Mann – so eine Umfrage – reinigt sein Glied ausschließlich durch den Geschlechtsverkehr". 

Ist ein Mann, der auf der Bühne zynisch ist, auch zu Hause zynisch? Kann man kaum glauben, denn den ganzen Tag zynisch zu sein macht schlechte Laune und einsam.

Warum kann ihm keiner das Wasser reichen?

Über ein Dutzend Zyniker/Satiriker gingen bei Schmidt in die Lehre, waren Autoren oder Sidekicks in seinen Sendungen. Schmidt war stilbildend mit seiner Kunst, den deutschen Alltag zum Gag-Material  zu überhöhen, mit seinem Gespür für gesellschaftliche Stimmung, die andere erst viel später registrieren, mit seinem Abscheu vor dem Erwartbaren, mit seiner Art, aus Fernsehmüll Unterhaltung zu machen. 

"Ich liebe Fernsehen", das war das leicht verlogene Bekenntnis eines Müllmannes, der sich über das herrliche Material freut, das ihm die Sender in die Gag-Presse werfen.

Stefan Raab hat lange versucht, ihn zumindest in diesem Genre zu übertreffen, aber müllte sich irgendwann zu Tode. Und die anderen? schreibt besser als Schmidt, immerhin, Jan Böhmermann singt besser, Klaas Heufer-Umlauf hat den besseren Showpartner, immerhin. Oliver Welke? Na ja, versteht wohl mehr von Fußball als Schmidt.

Ein wenig Stand-up, ein wenig Talk, ein wenig Musik, ein wenig Bildung, ein wenig Blödsinn, an diese Mischung kurz vor Mitternacht hat sich keiner mehr herangetraut. Die einen machen Stand-up, die anderen talken, beide sollten sich gelegentlich ein paar Harald Schmidt Shows anschauen.

Harald Schmidt und Oliver Pocher 2009.

Worauf sollten sie achten? Wie man seinem Publikum gerecht wird, ohne sich zu unterwerfen. Unter denen, die das nicht können, gibt es einen, der kann es ganz besonders nicht. Sein Name klingt, als habe ihn erfunden, und er mimt einen Talkmaster, als hätte ihn erschaffen. Hubertus Meyer-Burckhardt ("NDR Talk Show") brüllt seinen Gästen die Fragen ins Gesicht, gibt den Sätzen mit Handkantenschlägen die Bedeutung, die sie nicht haben, und schafft es, jede rhetorische Figur Schmidts zu versemmeln.

Am meisten unter ihm leidet die Co-Moderatorin der Sendung, , die notgedrungen über jedes Witzchen lachen muss. Man möchte sie befreien aus dieser Gesellschaft, weil sie in ihren anderen Sendungen alles in schmidtscher Direktheit wegzumoderieren versteht, besonders wenn sie jedes Jahr wieder im Mai gegen Mitternacht im Regen auf der Reeperbahn steht und die deutschen ESC–Sängerinnen via Satellit tröstet, die irgendwo in Stockholm, Kiew oder Baku blass lächelnd am Tiefpunkt ihrer Karriere stehen.

Wenn sich irgendjemand im deutschen Fernsehen trauen sollte, sich wieder an eine Late-Night-Show zu wagen, sollte er Barbara Schöneberger mit verkuppeln. Beiden zusammen kann man zutrauen, uns wieder jeden Abend beschwingt und mit dem Tag versöhnt ins Bett zu schicken.

Als Harald Schmidt vor zehn Jahren Alice Schwarzer den Ludwig-Börne-Preis überreichen durfte, fand er die passenden Worte über sich selbst, selbstverständlich ohne sich zu erwähnen. "Bigger than life" nenne man in den USA Leute, die mehr sind als große Schauspieler oder große Sportler: Alice Schwarzer sei "größer als der Feminismus in Deutschland".

Und Schmidt schob ein Zitat Börnes hinterher, das in sein Herz blicken lässt, jenseits von Zynismus, diesseits von Größe: "Eines ist, was nützt: die Klarheit. Eines ist, was besteht: das Recht. Eines ist, was besänftigt: die Liebe."

Inhalt anzeigen
Inhalt anzeigen