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Gewalt beim Gipfel

Kampf den Zwerghasen!

Wer Donald Trump und die G20 treffen will, greift das Auto einer Kleintierpraxis an. Reife Leistung.

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Das Video, das ein User ins Internet gestellt hat, wirkt gespenstisch: Es zeigt eine 39-sekündige Fahrt durch Altona, links und rechts brennt alle 100 Meter ein Auto, Rauch steigt auf, Anwohner stehen apathisch am Straßenrand und beobachten die bizarre Szenerie. 

Man muss kein Autofachmann sein, um die Modelle auf den Aufnahmen trotz der Flammen noch richtig zuzuordnen: Hier brennen keine Bentleys, Maybachs und Rolls-Royces, sondern häufig Kias, Mazdas und Renaults, klassische Bonzenfahrzeuge halt, mit denen die Ausbeuter typischerweise zur Arbeit fahren, um ihre Lohnsklaven zu unterdrücken. 

Bitte keine Missverständnisse: Eine Luxuskarosse (oder Haspa-Filiale) wäre ebenfalls kein legitimes Angriffsziel, aber die Auswahl der Hassobjekte wirkt gelinde gesagt wahllos und zeigt, dass hier blinde Zerstörungswut am Werk war und nicht ideologisch verbrämte "Gewalt gegen Sachen".

Billy-Regale - die hässliche Fratze des Kapitalismus

Andere Fotos zeigen das ausgebrannte Fahrzeug der alternativmedizinischen Tierheilpraxis einer jungen Hamburgerin. Auf einem Video ist zu sehen, wie die Glasfront der Ikea-Filiale in Altona mit einer Eisenstange durchbrochen wird. Homöopathisch behandelte Zwerghasen und Billy-Regale als die neuen hässlichen Fratzen des Neoliberalismus - komisch, dass da noch keiner drauf gekommen ist.

Auch das Dienstfahrzeug eines Hamburger Pflegedienstes haben die Randalierer zerstört. Kindertagesstätten werden aus Angst geräumt, eine Einrichtung alarmiert um 14.26 Uhr die Eltern: "Liebe Mütter und Väter, wir hören gerade, dass eventuell eine Horde schwarz bekleideter Vollidioten Richtung Barmbek zieht. Bitte holen Sie Ihre Kinder unverzüglich ab." Man muss das "kapitalistische Schweinesystem" schon sehr weit fassen, um so etwas (auch vor sich) rechtfertigen zu können.

Und es ist auch kein Jammern auf hohem Niveau, wenn man Folgendes konstatiert: Der kleine Pflegedienst, dessen Auto geschmolzen ist, wird ab Montag seine Senioren nicht versorgen können; die Tierärztin (sicher wie alle Tierärztinnen mehrfache Millionärin) muss sich ein Ersatzfahrzeug organisieren, um ihrer beruflichen Tätigkeit weiter nachzugehen; und die unzähligen Autobesitzer bekommen nicht einfach eine neue Karre vor die Wohnung gestellt - abgesehen davon, dass es nicht viel Phantasie braucht, um sich auszumalen, dass mit den Fahrzeugen auch zahlreiche persönliche Gegenstände in Flammen aufgegangen sind.

Reife Leistung der Chaoten. Sie haben es denen da oben mal so richtig gezeigt.


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