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Die Medienkolumne

Märchen aus uralten Zeiten

Als Chefredakteure autoritär, aber immerhin nicht pressescheu waren.

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So viel Übles hatte ich über Werner Funk gehört, dass ich die erste Begegnung vorsichtig anging. Zwar hatte ich mit dem „Stern“-Chefredakteur schon mehrfach telefoniert. Trotzdem: Sich einander gegenüberzustehen und in die Augen zu sehen ist immer noch einmal etwas anderes.

Es muss bei einer Verleihung des nach dem Reporter Egon Erwin Kisch benannten Journalistenpreises gewesen sein, also irgendwann Mitte der 1990er, es war jedenfalls im Foyer von Gruner + Jahr am Hamburger Baumwall. Funk stand dicht neben der Treppe, fast schon darunter, ganz so, als wolle er im Zweifel schnell verschwinden können. Ich beobachtete ihn eine Weile. Er wirkte auf mich eher schüchtern als einschüchternd. Als ich ihn ansprach, schien er sich zu freuen, dass überhaupt einer mit ihm redet.

Eine Leere, angenehm unterfüttert mit Hass

Warum ich mich an diese Begegnung erinnere? Wegen des Interviews, das Funk mit dem Magazin „Brand eins“ geführt hat. Vom Loslassen handelt die aktuelle Ausgabe. Funk, inzwischen 80 Jahre alt, erzählt darin von seinem Rauswurf als Chefredakteur beim „Spiegel“ („Was ich spürte, war eine Leere, die auf angenehme Weise mit Hass unterfüttert war“) und auch über seine Trennung vom „Stern“.

Von Funk lernen zu wollen, wie das geht mit dem Aufhören und Loslassen, das hat etwas. Weiterhin quält er sich auf dem Rennrad, weiterhin geht er ins Büro, weiterhin verfolgt er, was im „Spiegel“ und im „Stern“ steht. Und selbstverständlich ist nichts besser geworden, seitdem er dort nicht mehr mitspielt.

Im Vorspann zum Interview heißt es, Funk sei sarkastisch wie eh und je. Beim „Stern“ nannten sie ihn früher „Kim Il Funk“, in Porträts der „Süddeutschen“ wahlweise den „bestgehassten Mann der Branche“ oder „Dr. Werner und Mister Funk“.

Wem alles egal ist, ist im Zweifel selbst egal

Bei mir benahm er sich stets wie Dr. Werner. Klar, er sagte mehr als deutlich, wenn ihm etwas nicht passte. Das fand ich völlig in Ordnung. Wem alles egal ist, ist im Zweifel selbst egal. Unter ihm arbeiten hätte ich trotzdem nicht wollen.

Was ich aber an ihm schätzte: Er scheute keine Antwort, und er sagte, was er dachte. Nie hätte er an die Pressestelle verwiesen. Das machte er schon selbst. Wer sollte besser über sein Magazin reden können als er? Eben.

Chefredakteure, die Fragen aus dem Weg gehen, wenn überhaupt per E-Mail gestellt bekommen wollen und diese dann an die Pressestelle weiterleiten, von der dann maximal Nichtssagendes zurückkommt, stehen bei mir im Verdacht, wahrscheinlich auch sonst nicht viel zu sagen, geschweige denn zu erzählen zu haben. Womöglich fürchten sie sich vor Journalisten sogar. Zugegeben, das ist ein Gedanke, der bei einem Chefredakteur kurios, aber nicht abwegig ist. Kurzum: Mir fällt schwer, solche Chefredakteure ernst zu nehmen. Einerseits.

Ein sensationell schlechter Nachfolger

Andererseits wäre heutzutage der autoritäre Führungsstil eines Werner Funk undenkbar. Keiner ließe mehr so mit sich umgehen wie er mit Redakteuren umging –falls doch, gehören sie bestimmt nicht zu den Besten in einer Redaktion. Dafür wusste man bei Funk, woran man ist.

Er habe das Glück gehabt, sagt Funk im Interview mit „Brand eins“, als Chefredakteur „einen sensationell schlechten Nachfolger zu haben. So etwas erleichtert den Abschied enorm, denn auf diese Weise bleibt man automatisch in besserer Erinnerung“.

Was er in dem Interview nicht sagt: Den sensationell schlechten Nachfolger gab es nur, weil er nicht loslassen wollte. Als Chefredakteur des „Stern“ hatte er sich vertraglich verpflichtet, rechtzeitig einen jüngeren Nachfolger aufzubauen. Funk holte für diesen Zweck zwar Andreas Lebert vom „SZ-Magazin“, doch der Plan ging nicht auf. Lebert ging wieder, danach passierte nichts mehr. Schließlich sagte der Verlag: „Mit Dr. Funk war die Nachfolge leider nicht zu regeln. Wir mussten handeln“. Daraufhin kam Michael Maier von der „Berliner Zeitung“, eben jener „sensationell schlechte Nachfolger“. Nach einem halben Jahr war Maier wieder weg.

Zwei Tage später lag eine edel aufgemachte Zeitschrift in der Post

Nach seiner Zeit bei Gruner + Jahr erfand Funk für die Privatbank Berenberg ein Kundenmagazin. Die Titelbilder zieren die Wände seines Büros in Hamburg-Pöseldorf. Bei dem Magazin ist er nach eigener Auskunft Chefredakteur, Redakteur und Artdirektor in einer Person. „Die Layoutideen stammen vorwiegend von mir, denn ich habe auf meine alten Tage entdeckt, dass ich auch ein ganz guter Artdirector geworden wäre“, sagt er im Gespräch mit „Brand eins“. Wie erwähnt, die Ausgabe handelt vom Loslassen.

Es ist noch nicht lange her, als ich Funk in Berlin traf. Zwei Tage später lag in meiner Post eine edel aufgemachte Zeitschrift mit einem Cover wie ein Plakat: „Berenberg. Magazin für Wirtschaft, Gesellschaft & Lebensart“. Unter den Autorennamen finden sich Claus Lutterbeck, Emanuel Eckardt, Hans-Peter Schütz… – alles Leute vom „Stern“. Loslassen ist Funks Sache wirklich nicht.

Aber über das Wiedersehen und das Heft habe ich mich gefreut.