MARIJAN MURAT / DPA

Die Medienkolumne

Nun kommt mal wieder runter

Im Streit zwischen Verlagen und Öffentlich-Rechtlichen bleiben Wahrheit und Anstand auf der Strecke.

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Vielleicht sollte ich vorweg ein paar Beispiele nennen, allesamt aus den vergangenen Tagen. Sie erklären, was mich an dem Debattenstil stört, den Verlage und insbesondere die ARD miteinander pflegen.

Beispiel 1

Während Nordkorea Atombomben testet und die Welt die Rhetorik zwischen Donald Trump und Kim Jong-un zu Recht als verstörend empfindet, zeichnet Mathias Döpfner, ein Mann des sehr bewusst gewählten Wortes, in seiner Funktion als Präsident der Zeitungsverleger ein Szenario, wonach sich hierzulande die Medienlandschaft nach dem Geschmack von Nordkorea" entwickeln könnte: ohne privatwirtschaftlich organisierte Zeitungen gebe es nur die Propaganda von "Staatsfunk" und "Staatspresse im Netz". 

Und wie kontert das die sonst zurückhaltende ARD-Vorsitzende Karola Wille? Mit dem nicht minder leichtfertig hingeworfenen Kampfbegriff "Fake News".

Beispiel 2

Dieter Anschlag, ein erfahrener Medienjournalist der seriösen "Medienkorrespondenz", schreibt, wie absurd es sei, wenn Verleger so tun, als wären die Rückgänge ihrer Zeitungsauflagen zu stoppen, würde die ARD nur ihre "Tagesschau"-App einstellen.

Als ob das je ein Verleger behauptet hätte.

Worum es tatsächlich geht, ist die Frage, wie der zunehmend im Netz konsumierte Journalismus zu finanzieren ist. Die Werbeeinnahmen reichen nicht aus, und vom Nutzer im Netz Geld zu verlangen ist umso schwieriger zu bewerkstelligen, solange woanders ebenso breit gefächerte und hochqualitative Informationen zu bekommen sind – und zwar ohne zusätzlich zu zahlen. Ausschließlich aus diesem Grund wehren sich die Verlage gegen die als "presseähnlich" bezeichneten Portale öffentlich-rechtlicher Sender.

Beispiel 3

Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", nennt Jörg Schönenborn "einen Moderator, der vor allem durch das Vorlesen von Wählerumfragen hervorgetreten ist". Schönenborn hat zwar auch bei dieser Bundestagswahl die Stimmergebnisse und Wählerumfragen vorgelesen. Hin und wieder moderiert er auch. Im Hauptberuf ist er aber Fernsehdirektor des Westdeutschen Rundfunks. Das erwähnt Kaube nicht.

Warum äußert sich Kaube derart herablassend? Schönenborn hatte den Rundfunkbeitrag als "Demokratieabgabe" bezeichnet, die den öffentlich-rechtlichen Sendern die wirtschaftliche Unabhängigkeit biete, um so zu berichten, dass sich ein breites Publikum ein Urteil bilden und Entscheidungen treffen kann.

Aktuelle Magazine und Zeitungen tun das auch, dazu gezwungen sind sie nicht. Sie können ihr Angebot jederzeit ausdünnen, und, mal ehrlich: Nicht wenige haben das unter wirtschaftlichem Druck getan. Sie haben Recherchen verknappt, die dazu notwendigen Reisen und auch Reporterstellen. Ein Blick in den Norden und Osten der Republik genügt. Die Wahrscheinlichkeit, dort auf ARD-Reporter zu treffen, ist ungleich höher. Darin wurzelt der Spruch: Würde es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht geben: Man müsste ihn gerade in diesen Zeiten erfinden.

Häme, Spott und Neid

Ein paar letzte Beobachtungen aus jüngster Zeit: Volker Herres, Programmchef des Ersten und Moderator des "Presseclubs", lästerte nach einem kritischen Zeitungsartikel in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" über den Verfasser Rainer Hank: "Warum geht ein so kritischer Geist ohne Zwang als Gast zum 'Staatsfunk'?" Er meinte damit die Einladungen, denen Hank bisweilen in Talkshows von ARD und ZDF und auch zu Herres' "Presseclub" folgt.

Im selben Zusammenhang behauptete eine Medienjournalistin des Deutschlandfunks, Redakteure von "FAS" und "FAZ" gingen wohl deshalb so kritisch mit den Öffentlich-Rechtlichen um, weil die Auflagen ihrer Zeitungen schrumpften und sie "seit der ersten von inzwischen vielen Sparrunden ja auch keine Dienstwagen mehr fahren" dürften. Ist das noch Ironie oder schon schäbige Schadenfreude gegenüber Kollegen, deren Arbeitgeber Journalismus aus eigener Kraft stemmen?

Gern heißt es auch: Schaut auf die sprudelnden Gewinne bei Springer, den Verlagen geht es doch bestens! Die das sagen, erwähnen nicht, dass sich diese Gewinne vor allem aus neuen Geschäftsmodellen speisen, die mit Journalismus wenig bis gar nichts zu tun haben.

Aber die Verlage sind nicht besser. Die kriegen den Hals nicht voll, schimpfen sie über ARD und ZDF, die dorthin wollen, wo das Publikum ist, also auch ins Netz. Gern unerwähnt lassen sie, dass etwa für das gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltete junge Angebot "Funk" je ein Sender (Eins Plus und ZDF Kultur) eingestellt wurde. Oder dass seit 2009 nahezu alles teurer wurde, der Rundfunkbeitrag jedoch sogar leicht gesunken ist.

Schwer erträglich

Ich könnte weitere Beispiele anführen, belasse es aber dabei. Es sollte deutlich genug geworden sein: Wie die Öffentlich-Rechtlichen und die Verlage miteinander umgehen, ist für jemanden, dem etwas an gutem Fernsehen, gutem Radio, gutem auf welchen Wegen auch immer verbreitetem Journalismus und ganz nebenbei auch etwas am eigenen Beruf liegt, nur schwer erträglich.

Beide, die privatwirtschaftlich organisierten Zeitungen ebenso wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, werden von Gegnern der Pressefreiheit als Lügenpresse verunglimpft. Beide sind besorgt, wenn Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen, und kämpfen um das Vertrauen ihres Publikums. Warum also leisten sie Kritik und Misstrauen eigenhändig Vorschub? Sie schaden sich mit ihrem Debattenstil nur selbst.

Teile der Gesellschaft wie Teile der Politik machen vor, wozu es führt, wenn Lautstärke vor Sachlichkeit geht. Wieso tragen Journalisten bis hin zur Führungsspitze von Medienunternehmen dann selbst dazu bei, durch Provokationen, Parteinahmen und falsche Behauptungen die Medienpolitik einerseits und andererseits auch die Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer zu desinformieren statt aufzuklären? Löst das auch nur ein einziges ihrer tatsächlichen Probleme?

Albern, aber leider nicht ganz falsch

Der Sprecher eines öffentlich-rechtlichen Senders erzählte mir einmal, dass seine Kollegen aus den anderen Sendern Medienjournalisten von Zeitungen als Gegner betrachten. Begründung: "Die berichten eh nur, was in ihren Häusern gewünscht ist."

Ich fand das albern. Leider stimmt es manchmal, dasselbe gilt übrigens auch andersherum. Im Gegensatz zu den Zeitungen beschäftigen ARD und Deutschlandradio inzwischen allerdings mehr Medienjournalisten.

Das alles hat natürlich seinen Grund

Mal im Ernst: Wie sähe die Medienlandschaft aus ohne die Öffentlich-Rechtlichen? Und damit meine ich nicht nur das Informationsangebot, um das sich viele Private außerhalb von Wahlkampfzeiten nicht einmal mehr bemühen.

Kann sich jemand vorstellen, dass – um nur zwei Beispiele aus dieser Woche zu nennen – ein Film wie "Jürgen – heute wird gelebt" (Das Erste) mit Heinz Strunk oder Lars Beckers "Der gute Bulle" (ZDF) mit Armin Rohde bei RTL oder gar Sat.1 oder Pro Sieben liefe?

Keine Frage: Die Öffentlich-Rechtlichen könnten in vielerlei Hinsicht besser, schlanker, innovativer sein. Keine Frage: Das Zusammenspiel mit privaten Medien braucht Regeln.

Genau das wird das Thema der nächsten Monate sein. Los geht es an diesem Freitag. Dann nämlich werden ARD, ZDF und Deutschlandradio die von den Ministerpräsidenten der Länder eingeforderten Berichte vorlegen. Darin steht, wie sie ihren Auftrag definieren, wie breit ihr Engagement dafür im Netz sein soll und wie sie künftig effizienter arbeiten können. Wie die Länderchefs darüber entschieden, wissen wir spätestens am 31. März 2018.

Es geht um viel, für alle Marktteilnehmer. Es geht um Grenzen für die einen, um Entfaltungsmöglichkeiten für beide. Welche Folgen das wirtschaftlich und publizistisch haben wird, ist strittig. Das erklärt die Aggressivität der Lobbyisten. Es ist aber keine Entschuldigung für eine unsachlich geführte Debatte und schon gar nicht für eine einseitige Berichterstattung über diese Debatte.