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Antisemitismus

Die Schande von Berlin

Beim Al-Quds-Tag wird gegen Israel und Juden gehetzt. Das passt zu dieser Woche.

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Der Schwiegersohn des Propheten ist das Vorbild: Imam Ali habe "siebenhundert Juden an einem Tag" erschlagen. Ihm solle man nacheifern, verkündet Revolutionsführer Ayatollah Chomenei 1979, als er den Al-Quds-Tag begründet. 

Seitdem ruft der Iran zur Rückeroberung von Jerusalem (arabisch: Al Quds) auf, zur "Befreiung von den zionistischen Besatzern". 

Dabei soll es nicht zimperlich zugehen: Man möge "den Usurpatoren und ihren Unterstützern die Hände abhacken". Der "Sieg der Muslime gegen die Gottlosen", insbesondere die "blutrünstigen Zionisten", ist bis heute das Oberthema des Feiertags. 

Das ist der historisch-ideologische Hintergrund, bei Al-Quds-Tagen im Ausland geschickt verpackt durch weich gespülte Floskeln à la "Frieden und Gerechtigkeit", zum Beispiel an diesem Freitag in Berlin. Die Aktivisten wissen, wie sie das immer wieder geforderte Verbot umgehen.

Grundschüler mit Hassplakaten - auch eine Form des Kindesmissbrauchs

Eine bizarre (und inzwischen beinahe altbekannte) Mischung ist am Nachmittag auf dem Kurfürstendamm unterwegs: Frauen und Männer schiitischen Glaubens (und Grundschüler mit Hassplakaten - nebenbei bemerkt auch eine Form des Kindesmissbrauchs), Rechtsradikale und antizionistische Linke sind sich ausnahmsweise einig: darüber, dass die Juden ein Unglück sind. 

Hunderte sind gekommen, trotz Ramadan, während dem laut einem muslimischen Verband die Gläubigen ja eigentlich zu schwach für Demonstrationen sind (zumindest war das die Ausrede von Ditib, als es gegen Terrorismus ging). 

Einige Teilnehmer tragen Hamas-Stirnbänder, auch Fahnen der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (von der EU als Terrororganisation eingestuft) sind zu sehen. Und vereinzelt Symbole der Hisbollah. Die iranische Regierung mobilisiert ihre Anhänger in Deutschland.

Linke, liberale und bürgerliche Kräfte bei der Gegendemo

In Teheran regiert der vermeintliche Reformer Rohani, der es allein im ersten Jahr seiner Amtszeit auf 852 Hinrichtungen brachte. Die Menschenrechtslage im Iran ist nach wie vor prekär, Hetze gegen Israel gehört zur Staatsdoktrin. Darauf weist die Gegendemonstration hin: Der Protest gegen die antisemitische Veranstaltung wird nicht wie in Deutschland oft üblich dem Zentralrat der Juden überlassen, sondern zieht seit einigen Jahren linke, liberale und bürgerliche Kräfte an. 

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD), Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und der Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Röhler (CDU) sprechen. Es sind nicht die prominentesten Redner im Aufgebot, aber immerhin gibt es eines. Volker Beck von den Grünen, der bei islamischem Antisemitismus schon länger genau hinschaut, ist ebenfalls dabei. Die Polizei zählt mehr Menschen als beim Al-Quds-Marsch.

"Gemeinsam gegen Antisemitismus und Homophobie" 

Eine wichtige Gegendemonstration - besonders in dieser Woche. Hat doch die Diskussion um die Antisemitismus-Doku gezeigt, wie schwer sich Deutschland immer noch mit Judenhass tut, der nicht von rechts kommt, sondern linkem oder muslimisch-migrantischem Milieu entstammt. Notwendig, sich damit zu beschäftigen, zumal letztgenanntes Phänomen in den nächsten Jahren zunehmen wird. Im Zuge der Flüchtlingskrise kommen auch Menschen mit problematischen Einstellungen, von denen Antisemitismus nur eine ist. Darauf spielt auch das Motto der Gegendemonstration an: "Gemeinsam gegen Antisemitismus und Homophobie". 

Zweifler der Woche: Ahmad Mansour

Viele Iraner, Iraker, Syrer, Afghanen haben schon als Kind gelernt, dass man Juden und Schwule hassen muss. Ob ein Grundgesetz in arabischer Übersetzung sie über Nacht vom Gegenteil überzeugt? Prominentester Zweifler war diese Woche der Psychologe Ahmad Mansour, ein Experte für Antisemitismus und Homophobie unter Muslimen, der am Mittwoch Sandra Maischbergers Talkrunde aufmischte, indem er das oft weggeschobene Phänomen zur Sprache brachte. Sein Mantra: Totschweigen bringt nichts. Um Probleme anzugehen, müsse man sie sichtbar und zum Thema machen. 

Liberale und linke Errungenschaften stehen auf dem Spiel

Und nicht der AfD überlassen, die mit Björn Höcke ("Denkmal der Schande") und Familienpolitik aus den Fünfzigern kein glaubwürdiger Absender ist im Kampf gegen Antisemitismus und Ungleichberechtigung. 

Gefragt sind vielmehr die liberalen und linken Kräfte: Schließlich sind es ihre - oft gegen konservativ-klerikalen Widerstand erkämpften - Errungenschaften, die infrage gestellt werden. Nach rechts zu schauen ist nach wie vor richtig, als einzige Blickrichtung wäre es fahrlässig. Der vielstimmige Protest gegen den Al-Quds-Tag ist ein Lichtblick.


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