PATRICK VIEBRANZ PHOTOGRAPHY

Passmann über Ostdeutschland

Arroganz braucht Abgrenzung

Jetzt ist die Mauer länger weg, als sie stand: Was unsere Kolumnistin spürt, als sie in Eisenach strandet.

LESEZEIT 3min

Zur Kolumnistin: Sophie Passmann, 24, ist Radiomoderatorin, Autorin und Comedian. Ihre Freizeit verbringt sie auf Instagram (@fraupassmann) und Twitter (@sophiepassmann). Sie ist überzeugt: Die sozialen Netzwerke brauchen mehr Gelassenheit. Dafür setzt sie sich mit lakonischen Witzen und forscher Gleichgültigkeit ein. 

Ihre Hoffnung ist, dass alte weiße Männer und Netzfeministinnen irgendwann glücklich an einem großen Internet-Stammtisch sitzen können. Sie wohnt leider in Köln. Und schreibt glücklicherweise einmal pro Woche für SPIEGEL DAILY.


Schlechtes Wetter macht uns Menschen schnell ohnmächtig. Wir fliegen zum Mond und zerschneiden Gen-Stränge, aber wenn draußen ein Schneesturm wütet, kommen wir trotzdem nicht zu Arbeit. Dann haben wir keine andere Wahl, als von Zuhause aus die nächste Mondlandung zu planen oder Crispr-Cas9 zu optimieren.

Ich musste mich dieser Ohnmacht letztens auch hingeben, vor knapp zwei Wochen in einem ICE irgendwo im Ostdeutschen Nirgendwo. 

Sturmtief "Friederike" hatte die Deutsche Bahn dazu veranlasst, den Fernverkehr in ganz Deutschland auszusetzen, aus Sicherheitsgründen. Da stand ich also, aus Sicherheitsgründen, am Hauptbahnhof Eisenach. 

Für mich erschien das wie die Pointe der Geschichte: Klar, die Passmann kann nicht in irgendeiner RICHTIGEN Stadt stranden, sondern in EISENACH. 

Ich buchte mir aus dem ICE raus also ein Hotel und verzichtete auf die Übernachtung im Zug, weil ich dachte: Das Einzige, was schlimmer ist, als eine Nacht in Eisenach, ist eine Nacht im Zug in Eisenach. 

Der Ostdeutsche: wütend, ängstlich, fleißig

Ich habe Vorurteile gegenüber Ostdeutschland. So, jetzt habe ich es gesagt. Diese Vorurteile sind, wie ja immer, völlig unbegründet, sie entbehren jeder Grundlage. Trotzdem ruht in mir die Illusion, genau zu wissen, wie der Ostdeutsche ist: wütend, ängstlich, passiv-aggressiv und fleißig. 

Meine Vorurteile gegen Ostdeutschland sind völlig unberührt von der Tatsache, dass die Mauer mittlerweile schon länger weg ist, als sie jemals stand. Die Wende ist, genau wie die DDR-Zeit, für mich und alle Menschen in meinem Alter abstrakt. 

Lediglich ein paar Fakten habe ich im Studium über den Osten gelernt: hoher Niedriglohnsektor, hohe Jugendarbeitslosigkeit, hohe Wahlergebnisse für rechtsextreme und -populistische Parteien, überdurchschnittlich viele Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, größere Angst vor Muslimen. Insgesamt aber: fast keine Muslime. 

Sozioökonomisch kommt der Osten einfach scheiße weg. 

Westdeutscher denn je

Mein Besuch in Eisenach war kurz. Er bestand aus einer Hotelübernachtung in einem beschämend schönen Hotel, einem Abendessen bei der Sandwich-Kette Subway und einem kleinen Spaziergang durch das, was Eisenach "Innenstadt" nennt. Diese besteht aus chinesischen Imbissen und Trostlosigkeit. Außerdem: unendlich viele Geschäfte zur Instandhaltung der eigenen Äußerlichkeit. Viel Nagelstudio, wenig Infrastruktur. 

Ich habe mir an diesem Abend so sehr gewünscht, dass Eisenach mich überrascht. Dass ich auf nur einen jungen, wachen, linken Menschen treffe, der mir mit einem Leuchten in den Augen von der Vorzügen seiner Heimat erzählte. Stattdessen traf ich auf wortkarge, mittelalte Frauen im Dienstleistungssektor und vor allem: meine eigene Arroganz.

Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich als Westdeutsche, Herr Gott, ich fühle mich meistens nicht mal als Deutsche. Aber an diesem Abend in Eisenach, als ich den Menschen mit meinem Hochdeutsch und meinem geschwätzigen "Bitte" und "Danke" entgegentrat, spürte ich auf einmal, wie ich zur Westdeutschen wurde. Und zwar nur, weil ich mein Gegenüber explizit als Ostdeutsche empfand. Arroganz braucht Abgrenzung. 

Abstrus und doch verständlich

Ich werde die Mauer niemals verstehen, geschweige denn die Wende. Ich fühle die DDR nicht, um ehrlich zu sein, muss ich mich in manchen Momenten daran erinnern, dass es die ja wirklich gibt. Ich bin 24 Jahre alt, für mich und meine Altersgenossen klingt die Geschichte von der Mauer, die ein Land trennt, einfach völlig abstrus, Gott sei Dank. 

Aber: Ich kann mir historisch und volkswirtschaftlich ableiten, wieso der Osten sich bis heute abgehängt fühlt. Ich kann mir vorstellen, wie sich Jugendarbeitslosigkeit anfühlt oder der Niedriglohnsektor. 

Ich kann nachvollziehen, wieso die Angst, abgehängt zu werden, zu Rassismus führt. Und ich kann mir vorstellen, wie das sein muss, wenn so eine 24-Jährige abends in ein Hotel in Eisenach stapft und mit ihrem Hochdeutsch und ihrem "Bitte" und "Danke" deutlich macht, was sie von Eisenach und den Ostdeutschen hält. 

Ich wäre auch wortkarg.

Inhalt anzeigen

Außerdem bei SPIEGEL DAILY:

  • Absturz an den US-Börsen: Wie Computer die Kurse schwanken lassen. Der Überblick
  • Großrazzia bei Audi: Lesen Sie hier, was in Ingolstadt passiert. 
  • Wie Deutschland seine Familien verrät: Der Pflegenotstand. Hier geht es zur Reportage.
  • Wie eine Insektenart das Lieben lernt: Eine romantische Annäherung.

Zur Startseite von SPIEGEL DAILY kommen Sie hier.

Und den Newsletter von SPIEGEL DAILY bestellen Sie hier.