MAX SANDELIN

Wlada und die Liebe

Zartes Männerherz

Warum Männer häufiger an Trennungen kaputtgehen - und ihr Liebeskummer länger anhält.

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Er hatte die ganze Woche mehr als 14 Stunden am Tag gearbeitet, in Hotels geschlafen und konnte das Wochenende kaum abwarten. Endlich zu Hause, endlich ausruhen. Aber als er die Tür aufstieß, war das Haus ausgeräumt. Seine Frau war gegangen – und er hat es nicht kommen sehen. Ja, sie hat in letzter Zeit öfters unglücklich gewirkt, sagte immer wieder, dass sie mit ihm reden wolle. 

Aber er war immer zu ausgelaugt von seinen Dienstreisen, von den langen Arbeitstagen. Er brauchte das Wochenende, um seine Akkus aufzuladen, da wollte er einfach keinen Streit. Jetzt saß er in dem Wohnzimmer, das so leer schien ohne sie, ohne ihre Sachen, – und wusste nicht weiter. Er stürzte sich dann noch mehr in die Arbeit, versuchte sich abzulenken, trank viel, vor allem abends damit er einschlafen konnte. Genützt hat es nichts. Er schlief schlecht bis gar nicht, war ausgelaugt, unkonzentriert. Irgendwann kam der Zusammenbruch.

Auch starke Menschen stoßen bei Herzschmerz an ihre Grenzen

So beschreibt Christine Backhaus die typische Geschichte eines Kunden, der wegen Liebeskummer zu ihr kommt. Die Diplom-Psychologin berät seit 15 Jahren Menschen in beruflichen und Herzensangelegenheiten – und leitet ein Team von Psychologen und Coaches in Frankfurt, das Unternehmen, Privatpersonen und Paare berät – und auch explizit Liebeskummer-Coaching anbietet.

"Auch sehr starke Menschen können bei Herzschmerz an ihre Grenzen stoßen", sagt Backhaus. "Unsere Kunden sind zu 90 Prozent Akademiker, die es sich leisten können, das Coaching selbst zu bezahlen. Sie sind oft Leistungsträger und kommen mit dem Leben gut klar."

Das Klischee: Liebeskummer haben nur die Frauen

Romantische Komödien stellen Herzgebrochene meist als eine eiscremeessende Frauen dar, die in den Pullover der Freundin hineinweinen. Aber die meisten Kunden, die sich an Backhaus' Team wenden, sind Männer. "Frauen leiden zwar intensiver am Liebeskummer, oft auch mit körperlichen Symptomen. Aber sie verarbeiten die Trennung in der Regel besser und gehen oft sogar gestärkter aus der Krise hervor", sagt Backhaus. 

"Männer reißen sich in der akuten Phase nach der Trennung eher zusammen und versuchen den Verlust mit Überstunden, Trinken oder auch einer neuen Beziehung zu kompensieren. Sie glauben schneller, dass sie über das Beziehungsaus hinweg sind. Aber das täuscht. Oft setzen sie sich mit der Trennung nicht richtig auseinander und fühlen sich danach sehr lange verloren."

Eine Studie der Universität Binghampton bestätigt, was Backhaus häufig in ihrem Berufsalltag beobachtet. Frauen leiden heftiger am gebrochenen Herz – Männer dafür länger. "Frauen haben einen längeren Ablösungsprozess. Sie spüren früher, wenn etwas in einer Beziehung nicht stimmt, wollen dann oft reden, bedrängen ihre Partner auch. Männer ziehen sich dann zurück, mauern sich ein", erzählt sie. "Sie stecken häufig den Kopf in den Sand. Und dann erwischt es sie oft kalt." 

Lebenskrisen beeinflussen Männer und Frauen gleichermaßen

Dass es so ist, wundert Backhaus nicht: Frauen seien geübter darin, mit schwierigen Emotionen umzugehen. Männer täten sich auch im Jahr 2017 noch schwer damit, sich ihre Bedürftigkeit einzugestehen. "Wir müssen den Liebeskummer aus der Tabuecke holen, uns von der Vorstellung lösen, dass er nur was für Weicheier ist", sagt sie. Nach der anerkannten Stressskala der amerikanischen Psychiater Holmes und Rahe steht eine Scheidung auf Platz zwei der Lebensereignisse, die einen Menschen am meisten belasten – gleich nach dem Tod des Partners. 

Und auch wenn es sich nicht um eine Scheidung handelt, bei der Hausrat und Sorgerecht geteilt werden müssen: Die meisten Trennungen schmeißen Menschen aus der Bahn. Im neuen Fehlzeitenreport der AOK gab mehr als die Hälfte der Befragten an, durch eine Lebenskrise im Berufsleben eingeschränkt zu sein. 13 Prozent der Befragten nannten dabei eine Trennung als das schlimmste Ereignis. 

Liebeskummer-Prävention, bevor die Trennung kommt

"Bei angeschlagenen Menschen – zum Beispiel nach einem Todesfall in der Familie – kann sich zusätzlicher Liebeskummer zu einer psychischen Krankheit entwickeln, wie einer Depression", sagt Backhaus. Die sieben Liebeskummer-Coaches aus ihrem Team sind daher alle Diplom-Psychologen mit therapeutischen Weiterbildungen, die erkennen können, wem eine Beratung reicht, und wer schon eine Psychotherapie braucht. 

Aber auch Liebeskummer-Prävention sei wichtig: Deswegen bietet Backhaus und ihr Team ein Beziehungs-Check-up an, "eine Art TÜV" für Paare und Singles – und zu erkennen, wo Probleme liegen, bevor es zum Liebeskummer kommt. "Es ist wichtig, das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken. Wir wollen ihnen beizubringen, dass man sich nicht zu abhängig in einer Beziehung machen darf – und dabei eigene Hobbys und Freunde vernachlässigen. Paare sind sich oft zu nah. Wenn die Beziehung zu Ende geht, bricht dann ihre ganze Welt zusammen."