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Passmann übers neue Kabinett

Fünf Feinde

Unsere Kolumnistin fragt sich: Woran wird Franziska Giffey verzweifeln? Und wie performen die anderen Minister?

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Zur Kolumnistin: Sophie Passmann, 24, ist Radiomoderatorin, Autorin und Comedian. Ihre Freizeit verbringt sie auf Instagram (@fraupassmann) und Twitter (@sophiepassmann). Sie ist überzeugt: Die sozialen Netzwerke brauchen mehr Gelassenheit. Dafür setzt sie sich mit lakonischen Witzen und forscher Gleichgültigkeit ein. 

Ihre Hoffnung ist, dass alte weiße Männer und Netzfeministinnen irgendwann glücklich an einem großen Internet-Stammtisch sitzen können. Sie wohnt leider in Köln. Und schreibt glücklicherweise einmal pro Woche für SPIEGEL DAILY.


An diesem Mittwoch wird das neue Kabinett vereidigt. Welche Minister werden besonders auffallen? Meine Prognose:

Jens Spahn

Spahn führt in den ersten Wochen als Gesundheitsminister vor allem Bewerbungsgespräche, denn er braucht mehr Personal als sein Vorgänger. Die neuen Angestellten haben lediglich die Aufgabe, ihn regelmäßig daran zu erinnern, dass er sich ab und zu auch wirklich um Gesundheitspolitik kümmern muss. 

DPA Jens Spahn.

Spahn verbringt seine Zeit nämlich am liebsten in seinem roten Salon, für den das Kopierzimmer im Gesundheitsministerium geräumt wurde. In dem sitzt er, raucht Kaugummi-Zigaretten und brainstormt, mit welcher kruden politischen Forderung er gleichzeitig ein bis zwei Randgruppen beleidigen UND Schlagzeilen in der "Bild" bekommen könnte. 

Einreiseverbot für Oberstudienräte? Diesel-Pflicht für Flüchtlinge? Zeit für Gesundheitspolitik bleibt wenig, aber irgendwie muss seine Kanzlerschaft ja vorbereitet werden.

Horst Seehofer 

Klar, Ministerpräsident von Bayern war ganz nett, aber Heimatminister in Berlin, das ist doch das große politische Parkett, auf dem schlecht sitzende Lederhosen erst so richtig zur Geltung kommen. 

Rein politisch wird, wie man das von der CSU erwartet, viel im Bereich "Ausländer kritisch angucken" passieren, dafür nichts in der Digitalisierung. Horst wird der Minister der Menschen, jedes saarländische Weinfest, jede Kirmes in NRW, macht er in den vier Jahren mindestens einmal mit. 

GETTY IMAGES Horst Seehofer.

Dafür lernt er genau eine einzige Rede auswendig, eine, die immer passt, wo es ums Vaterland geht und um Muttersprache und darum, dass in Bayern die Männer am kernigsten sind (schiefer Blick zu jungen Damen in den ersten Reihen, höhö). 

Er wird nicht viel kaputt machen, in den vier Jahren, außer unsere Wahrnehmung von gesundem Heimatstolz. 

Heiko Maas 

Die nächsten vier Jahre wird er sich vor allem der Frage widmen müssen: Könnten die Anzüge noch ein wenig schmaler geschnitten werden? 

Sein Job als Außenminister geht allein über gute Pressefotos von Staatsbesuchen, und da wäre es dann schon wichtig, der smarteste Mann im Bild zu sein. Seinen Antrittsbesuch bei Donald Trump absolviert er noch im ballonseidenen Trainingsanzug, jeder sieht gut aus neben Trump. 

GETTY IMAGES Heiko Maas.

Für das erstes Staatstreffen mit dem kanadischen Premier Justin Trudeau schält er sich dann allerdings in einen italienischen Slim-fit-Anzug, was dazu führt, dass er und Trudeau so hip und smart aussehen, dass sie sofort einen Werbedeal mit Peek&Cloppenburg angeboten bekommen. 

Maas legt sein Amt als Außenminister sofort nieder und widmet sich zukünftig dem Flirten mit der Kamera. 

Franziska Giffey 

Nach ein paar unerträglichen Wochen im schnöseligen Berlin-Mitte (Lachs-Tartar zum Mittag, Sektempfänge an der Spree) entscheidet sich die Familienministerin dafür, fortan nur noch aus ihrer Wohnung in Neukölln aus zu arbeiten. 

GETTY IMAGES Franziska Giffey.

Hohen politischen Besuch empfängt sie in einem veganen Straßencafé unter ihrer Wohnung, Pressekonferenzen gibt sie direkt aus ihrer Küche. Bei einem Interview ist der Bildausschnitt allerdings so ungünstig gewählt, dass deutlich sichtbar wird, dass ihr Arbeitszimmer etwa zwei Quadratmeter kleiner ist, als dem Finanzamt angegeben. 

Es folgt ein Steuerskandal, Giffey tritt mit sofortiger Wirkung zurück und arbeitet fortan ehrenamtlich als Sperrmüll-Sheriff in den Straßen Neuköllns. 

Katarina Barley 

Sie macht einfach ihren Job. Und zwar so brachial kompetent, dass es niemand mitbekommt. Wenn die Rede vom "Justizministerium" ist, werden die Leute sich fragen, wer da denn wohl grade überhaupt im Amt ist. 

DPA Katharina Barley.

Ihr großer Moment wird aber kommen, entweder bei Plasberg oder bei Anne Will, in einer total nichtigen Talkrunde zu "Versagen unsere deutschen Gerichte?!", wo sie die ersten 20 Minuten zwischen proletigen Hauptstadtjournalisten und ein paar Richtern a.D. sitzt, bis sie es nicht mehr aushält und ein flammendes und leidenschaftliches Plädoyer für den Rechtsstaat hält. Das Video geht natürlich viral. 

Der Ruhm hält drei Tage an. Danach wieder Trost- und Ruhmlosigkeit im Justizministerium. 

Und der Rest vom Kabinett? 

Die treffen sich jeden Dienstag um PUNKT(!) 18 Uhr in einer schäbigen Spelunke an der Spree zum konspirativen Stammtisch. Bei Bier und Kümmelschnaps wird sich beraten, wie man damit umgehen sollte, dass man eines der politisch wichtigsten Ämter im Staat bekleidet und sich trotzdem niemand, also wirklich niemand, für einen interessiert. 

Organisiert wird der Stammtisch übrigens von Gerd Müller. 

Sie fragen sich richtigerweise: Wer? 

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