Erika Lust Films

Porno-Festival "PorYes"

Befreit das Begehren

Feministischer Porno ist nicht nur für Frauen, genauso wie Feminismus nicht nur für Frauen ist. Ein Kommentar.

LESEZEIT 3min

Es ist selten so, dass Männer sich Frauen gegenüber vorsätzlich übergriffig verhalten. Oft kapieren sie nicht, dass sie es tun, weil sie verinnerlicht haben, dass es normal ist, Frauen zu bedrängen und zu überwältigen. 

Weil ihnen etwa diverse Filme vermittelt haben, Frauen würden genau das sogar mögen, würden sich dann in einen verlieben wie Leia in Han Solo aus Star Wars, als der sie anfasst und dann küsst, obwohl sie "stop it" sagt, wie Pussy Galore in James Bond, als der sie in einer Scheune auf den Boden zwingt, wie Catherine Zeta-Jones in Antonio Banderas, nachdem er als Zorro ihre Kleider mit dem Säbel zerfetzt hat. 

Durchschnittlicher Porno dient nur dem Mann

Der durchschnittliche Porno treibt die Logik noch weiter: Frauen mögen es nicht nur, überwältigt zu werden, sondern: Sex ist grundsätzlich eine Angelegenheit, bei der der Mann sich bei der Frau bedient, bei der sie zur Sexmaschine wird - mit der Funktion, dem Typen Lust zu bereiten. 

Und diese Art von Porno, von Objektifizierung der Frau hat sich so weit verbreitet, dass sie kaum noch auffällt. Was soll eine Frau im Bikini auf einer Autowerbung anderes bewirken als einem Hetero-Mann Vergnügen beim Schauen zu bereiten, seinem Begehren zu dienen? 

Es beginnt im Kindergarten 

Frauen haben sexy und süß zu sein für den Mann, das ist es, was die omnipräsenten Bilder verbreiten. Im Internet, auf den schier endlosen Seiten wie "Youporn" natürlich sowieso. Aber selbst im Kindergarten hat diese Logik schon ihren Raum: Pippi Langstrumpf wurde von Prinzessin Lillifee und Elsa Eiskönigin ersetzt, zwei charakterlich flachen Figuren mit Riesenaugen und Wespentaille.  

Die Bilder strukturieren folglich nicht nur das Begehren derer, die als Männer adressiert werden, sondern auch den Blick der Frauen auf sich selbst. Für ihr Buch "Girls & Sex" hat die amerikanische Autorin Peggy Orenstein vergangenes Jahr an die 100 Mädchen und Frauen zwischen 15 und 20 zu ihrer Sexualität interviewt. Ergebnis: Guter Sex ist für sie, wenn sie dem Typen dabei richtig gefallen und selbst keine Schmerzen haben.

Die Frau ist kein Objekt 

Wie können Mädchen von klein auf lernen, dass Sex dazu da ist, sich selbst und sich gemeinsam zu vergnügen? Es gibt Programme, die schon Grundschülerinnen und -schülern beibringen, sich in Achtsamkeit zu üben, dem eigenen Körper, sich selbst und anderen gegenüber, und zu lernen, wie man Signale senden und verstehen, wie man über die eigenen Bedürfnisse sprechen kann.

Doch vor allem müssen sich die Bilder ändern, die Repräsentation von Geschlecht und Sexualität. Sinnlichkeit kann ruhig präsent sein, aber nicht die Objektifizierung der Frau. 

Feministischer Porno heißt Achtsamkeit

Feministischer Porno zeigt feministischen Sex: Sex, in dem achtsam miteinander umgegangen wird. Der brutal sein darf - solange er einvernehmlich ist. Frauen kann es ja auch tatsächlich erregen und zutiefst gefallen, sich zu unterwerfen. 

Feministischer Sex schließt das nicht aus, im Gegenteil: Er schafft den Rahmen, in dem sich jede und jeder in verschiedenen Rollen ausprobieren und hingeben kann, im Vertrauen darauf, dass die andere Person, die anderen Personen achtsam gegenüber allen Signalen sind, dass es jederzeit eine Pause geben kann, wenn sich eine nicht mehr sicher ist, dass man anders weitermachen oder aufhören kann. 

Der männliche Blick dominiere den Mainstream-Porno, heißt es. Deshalb bräuchte es jetzt einen weiblichen Blick auf Sexualität. Doch es geht vielmehr darum, gemeinsam Perspektiven zu erweitern, die Körper zu entdecken, die viel individueller und vielfältiger zugleich sind, als es die binäre Geschlechtermatrix zulässt. Die Grenzen des Begehrens zu sprengen.

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