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Die Medienkolumne

Netflix für die Ohren

Die ARD-Audiothek entwickelt sich zum Hit. Hier sind die Top 20 der beliebtesten Sendungen.

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Ich liebe Radio. Stellt mir der Besuch zu Hause den Sender um, könnte ich Zeter und Mordio schreien. Es kostet mich jedes Mal Lebenszeit, meinen (!) Sender wiederzufinden, denn trotz (oder gerade wegen) meiner Treue zu Radioeins vom RBB (was sonst?) kann ich mir die Frequenz einfach nicht merken. Und deshalb hat da keiner an meinen Geräten herumzufummeln.

Oder was wäre ein Urlaub ohne lokales Radio? Unter normalen Umständen bekäme ich auf der Stelle Zahnschmerzen, würde ich stundenlang mit keltischer Musik und Dudelsackspiel berieselt, nur manchmal unterbrochen von unverständlichem Kauderwelsch. Aber gibt es Schöneres, als mit BBC Gaelic im Autoradio durch die schottischen Highlands zu fahren? (Nein, gibt es nicht. Ich habe es gerade ausprobiert, und es war wunderbar.)

Radio, so viel steht fest, ist ein unterschätztes Medium. Es mussten wohl erst Podcasts erfunden werden, um das zu erkennen. Laut einer Studie von Splendid Research ruft inzwischen fast jeder dritte Internetnutzer zwischen 18 und 69 Jahren Audioangebote ab, lädt sie, ganz unabhängig von Ort und Sendezeit, aus dem Netz herunter, um sie gleich oder irgendwann beim Laufen, Autofahren oder in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit zu hören.

Audio liegt im Trend

Kurzum: Audio liegt im Trend, und das zeitlich unabhängige Nutzen von Medien sowieso, das haben auch die ARD mit ihren mehreren Dutzend immer nur regional empfangbaren Wellen und das Deutschlandradio mit seinen drei nationalen, aber bei weitem nicht flächendeckend ausgestrahlten Programmen erkannt.

"Netflix für die Ohren", diesen Beinamen hatte die gemeinsame Audiothek von ARD und Deutschlandradio daher schnell weg. In der App findet sich alles, was an Hörspielen, Hintergründigem, Wissenswertem und Unterhaltendem im Angebot ist, fein säuberlich nach Schlagworten sortiert und kuratiert nach Themen und Interessen.

Kurz nach dem Start im November vorigen Jahres waren es "nur" 560 Sendereihen, inzwischen sind es weit mehr geworden. Das Angebot kommt an. Welcher Kölner hätte schließlich gewusst, dass es bei MDR Kultur eine ganz vorzügliche Lesung seines Lieblingsschriftstellers gibt? Oder welcher Hamburger hätte diese irrsinnig spannende Wissenssendung auf Bayern 2 mitbekommen? Es war an der Zeit, diese Schätze an einem Ort zu versammeln.

370.000 Downloads

Auf inzwischen 370.000 Downloads kommt die App, sagt Thomas Laufersweiler, der Leiter von Ard.de. Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Mundpropaganda ihrer Nutzer. Viel tun ARD und Deutschlandradio nämlich nicht, um die Audiothek bekannt zu machen. 

Dabei hat ein Beitrag, der in der Rubrik "Entdecken" ganz oben präsentiert wird, die Chance, in der App von mehr Menschen gehört zu werden als zuvor im linearen Programm. Umso mehr, als lange Wortbeiträge, Reportagen und Themensendungen auch im öffentlich-rechtlichen Formatradio nicht selten erst spät am Abend ausgestrahlt werden.

Sechs Monate nach dem Start wollte ich vom SWR, der innerhalb der ARD federführend ist für die Audiothek, wissen, welche Sendereihen die Nutzer am meisten interessieren. Und das sind sie:

Die Top 20 des ersten Quartals 2018

  1. ARD "Radio Tatort"
  2. WDR 3 Hörspiel
  3. Bayern 2 "radioWissen"
  4. SWR 2 "Wissen"
  5. NDR "Dramabox"
  6. NDR 2 "Wir sind die Freeses"
  7. WDR 5 "Die drei Sonnen"
  8. Kinderhörspiele im WDR
  9. MDR Kultur "Hörspiele"
  10. hr2 kultur "Der Tag"
  11. Deutschlandfunk Nova "Eine Stunde History"
  12. SWR 2 "Tandem"
  13. WDR 5 "ZeitZeichen"
  14. SWR 2 "Hörspiel"
  15. rbb "Der schöne Morgen"
  16. 1 LIVE "Krimi"
  17. Bayern 2 "Hörspielpool"
  18. WDR 5 "Satire Deluxe"
  19. SWR 2 "Forum"
  20. Deutschlandfunk Nova "Eine Stunde Liebe"

"Tatort" funktioniert immer

Und was lernen wir daraus? Der "Tatort" hat nicht nur im Fernsehen die Führungsposition abonniert. Aber auch Wissen ist gefragt. Unterhaltung sowieso. Und dank seiner informativen Beiträge hat selbst eine aktuelle Frühsendung wie "Der schöne Morgen" von Radioeins den Einzug in die Top 20 geschafft. (Schönen Gruß an Stefan Rupp und Christoph Azone, die als Moderatoren-Duo in dieser Woche Silberne Hochzeit gefeiert haben.)

Übrigens hat auch die klitze-kleine Mini-Redaktion, die das Angebot der Audiothek kuratiert, seit dem Start vor sechs Monaten einiges gelernt. Nicht ohne Grund wurden "Politik" und "Lesung" als zusätzliche Kategorien eingeführt. Die durchschnittliche Verweildauer von 17 Minuten beweist zudem: Vielleicht verlernen die Menschen die Fähigkeit, lange Texte zu lesen. Zuhören können sie noch, zumindest am Smartphone mit Stöpseln im Ohr. 17 Minuten ist ein recht hoher Wert.

Wie ich unter der Hand erzählt bekommen habe, soll das Angebot weiter verbessert werden. Wenig bekannt ist zwar, wer welche Angebote aus der Audiothek in welcher Situation nutzt. Als Datenkrake wollen sich ARD und Deutschlandradio schließlich nicht auch noch in Verruf bringen. 

In wenigen Tagen will die Hörfunkkommission der ARD aber beschließen, die Medienforschung mit einer entsprechenden Studie zu beauftragen, um doch ein wenig mehr über die Nutzer zu erfahren. Möglich auch, dass es künftig Kategorien geben wird, bei denen die Nutzer je nach Stimmungslage eine Auswahl treffen können. 

Und vielleicht, eventuell, man weiß es nicht, könnte die Audiothek um einen Livestream ergänzt werden. Den gibt es bisher nämlich nicht, es wäre aber praktisch. Falls mal wieder einer unerlaubterweise die Frequenz am heimischen Radio verstellt hat.