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Wetter

Marl, nicht Mallorca

Viele Deutsche sind genervt vom Sommerwetter. Dabei gibt es keinen Grund, sich aufzuregen. Ein Kommentar.

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Schon wieder. Ein Ausländer hat die ganze deutsche Nation einer Gehirnwäsche unterzogen.

Noch in den 60ern war es der Nation weitgehend egal, wie das Wetter im Urlaub war. Es war mal kalt, mal warm, es gab Unwetter, Juli 1965 soff halb Deutschland ab, 16 Tote. Wer erinnert sich?

Dann kam Rudi Carrell, 1975, und fragte, wann es mal wieder richtig Sommer würde. In den 60ern wäre er ignoriert worden. Die Leute damals wussten: Alles geht, Hagel, Sturm, Regen, Regen, Regen, hier ist Marl, nicht Malle.

Der alte Fuchs aber kannte seine Moffen. Es kam die Generation, die Fächer abwählen konnte. Abitur ohne Erdkunde. Revolution war beendet, dafür Hedonismus. Das neue größte Problem wurde: "Kann ich morgen offen fahren?"

Nachteil: Wenige Palmen

Der Marsch der Carrellisten durch die Institutionen blieb nicht ohne Folgen. Radio wurde das Outlet für gegelte Heulbojen, die uns weismachen wollen, dass wir nur glücklich sind, wenn die Sonne scheint. Und dass dieser Sommer doch nicht normal sei.

Normal war noch keiner, genau im Schnitt. Aber es gab auch noch keinen Sommer ohne Überschwemmung irgendwo. Und keinen ohne mal kalt. Und keinen ohne mal heiß. Das Wetter bei uns ist wechselhaft. Vorteil: meist grüne Wiesen. Genug Wasser. Wenige Waldbrände. Nachteil: nasse Strandkörbe. Wenige Palmen. Name früher: Sommer. Name heute: Schaukelsommer.

Das Wetterprekariat wundert sich

Die Jammersekte ist resistent gegen Zahlen und Fakten. Durchschnittlicher Tiefstwert zurzeit: 14 Grad. War fast immer wärmer morgens. Ist der Sekte egal. Jammern. 

Erwartbare Höchsttemperatur zurzeit: 20 (Sylt) bis gut 25 Grad. Sylt war fast die ganze Woche zu warm, nur kurz maximal 19 Grad, ein Grad unter normal. Das Wetterprekariat wartet dennoch trotz 20er-Schnitt auf 30 in Kampen (offen fahren!) und wundert sich, dass zehn Grad wärmer als normal doch eher selten sind.

Auch im Binnenland regiert der Furor der Bildungsferne. 35 – online schnell und gern als "Jetzt kommt der Sommer" gefeiert - sind halt zehn Grad drüber, und wenns mal zehn drunter sind, kommen die Durchhalte-Selfies mit den Kachelöfen.

Fazit: Die Leute glauben jeden Scheiß. Hoffentlich ist der nächste Ausländer wieder nur Rudi.


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