DPA

Die Medienkolumne

Geheimsache Hajo Seppelt

Der Dopingexperte hat Knatsch mit dem WDR. Springt der RBB nicht ein, könnte die ARD ihn verlieren.

LESEZEIT 4min

Hajo Seppelt läuft auf Hochtouren. Vorige Woche sendete das Erste gleich zwei neue Folgen der Dokumentationsreihe "Geheimsache Doping". Wieder einmal hat der preisgekrönte Rechercheur Erstaunliches ausgegraben: Erkenntnisse darüber, wie leicht sich Dopingtests manipulieren lassen.

Medien in aller Welt waren damit beschäftigt, seine Recherchen aufzugreifen, als Seppelt weitere Neuigkeiten zu staatlich verordnetem Doping zu berichten wusste. Ergebnisse einer umfangreichen Datenauswertung.

Zeitgleich kommentierte er in den "Tagesthemen" den Beschluss, in Russland die Dopingsperren aufzuheben. Wer, wenn nicht Seppelt, sollte für die ARD vor die Kamera treten? Er war es, der den Skandal ins Rollen gebracht hatte.

Die Quittung der Mühen: Seppelt wird bedroht. Er steht unter Begleitschutz, seit Wochen schon.

Leben mit Bodyguards

Hajo Seppelt, 54, ist der Dopingexperte in Deutschland, sein Name ist untrennbar mit der ARD verbunden. Das kann, das muss nicht so bleiben. Denn im März läuft sein Vertrag aus.

Zu den Olympischen Spielen ins südkoreanische Pyeongchang flog er in diesen Tagen, ohne zu wissen, wie es nach seiner Rückkehr weitergeht. Er selbst sagt nur: "Fragen Sie die Verantwortlichen in den Sendern."

Abgeschlossen hat er seinen Vertrag mit dem WDR. Dort ist die ARD-Dopingredaktion angesiedelt. Ohne Seppelt gäbe es sie gar nicht.

Welchen anderen Sender könnte er meinen, wenn er den Plural wählt? Stimmt also, was man sich in Berlin erzählt? Dass er zum RBB zurückkehrt? Für den RBB berichtete er schon weltweit von Schwimmwettkämpfen, als der Sender noch SFB hieß.

Schon einmal ließ ihn die ARD fallen

Damals, in den Achtzigern, begann alles. Seppelt gewann erste Einblicke hinter die Kulissen des Sports. Er sah eine Welt, in der es nicht um Fairness und Wettkampf geht, sondern um Geld und Macht. Mehr und mehr wuchs seine Distanz zu den strahlenden Siegern, jubelnden Fans und mitfiebernden Journalisten. Von da an widmete er sich der Sportpolitik, der Korruption, dem systematisch organisierten Doping und der Manipulation von Dopingkontrollen.

Seppelt wurde zum Einzelkämpfer.

Lange war er der Einzige, der die an Recherche arme und an Distanz freie Sportberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kritisierte. Als seine Kritik immer lauter wurde und irgendwann nicht mehr zu ignorieren war, wurde er gefeuert. Ein Einsehen gab es erst mit der Causa Jan Ullrich aus dem von der ARD gesponserten Telekom-Team. 2007 holte die ARD Seppelt zurück.

Die Eye Opening Media GmbH

Seitdem gibt es beim WDR die Dopingredaktion, mit Hajo Seppelt als freiem Mitarbeiter. Enthüllung folgte auf Enthüllung, das Renommee der Dopingredaktion wuchs mit der Zahl der zu recherchierenden Fälle, der Menge auszuwertender Daten und grenzüberschreitender Kontakte. 

Womöglich strapazierte das die vorhandenen Strukturen des WDR über, das Budget sicher auch. Voriges Jahr gründete Seppelt eine eigene Produktionsfirma, die Eye Opening Media GmbH. Von wem die Initiative ausging, ist unklar. Es war Seppelts, sagt WDR-Programmchef Jörg Schönenborn. 

In wenigen Wochen endet der auf nur ein Jahr befristete Vertrag zwischen Seppelts Firma und dem WDR. Wie es danach weitergeht, hängt davon ab, ob sich die Vertragspartner über die Bedingungen einigen. Woran es hakt, darüber schweigen beide. Dem Vernehmen nach wird unter anderem um Haftungsfragen gerungen. 

Regelmäßige Leser dieser Kolumne erinnern sich vielleicht: Dreieinhalb Jahre dauerte der Kampf um eine ARD-weite Regelung, die freien Produzenten investigativer Dokumentationen juristischen Beistand zusichert. 

Ausgefochten hat diesen Kampf maßgeblich der NDR. Sein Argument: Missstände müssten angstfrei recherchiert werden, Haftungsrisiken dürften daher nicht auf die Produzenten abgewälzt werden. Aus Angst vor ruinösen Klagen gäbe es andernfalls nur noch harmlose Dokus im Programm, was der Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks widerspräche. 

Am Ende war es die "Koalition der Willigen" aus NDR, RBB und MDR, die zu einer Selbstverpflichtungserklärung bereit war. Die anderen sechs Anstalten bezeichneten diese Maßnahme als überflüssig, einige ärgerten sich sogar, dass Produzenten investigativer Recherchen zu NDR, RBB und MDR überlaufen könnten. Diese Befürchtung könnte mit Seppelt wahr werden.

Was versteht der WDR unter Autorenpflege?

Beim WDR will sich dazu niemand äußern. Schönenborn verweist auf die laufenden Verhandlungen. RBB-Intendantin Patricia Schlesinger bestätigt, mit Seppelt in Kontakt zu stehen, und sagt: "Wir würden gerne eine gemeinsame Lösung finden mit dem WDR." ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky lässt ausrichten: "Wir befinden uns in guten Gesprächen mit allen Parteien, um zu klären, wie die Vertragskonstruktion in Zukunft aussieht." Darüber hinaus könne er "leider grundsätzlich keine Auskunft" geben.

Hinter vorgehaltener Hand heißt es, der Umgang mit Seppelt sei "nicht ohne". Unbequem sei er und nerven könne er wie kein Zweiter. Das schmälere die Lust an der Zusammenarbeit. Als wäre umgekehrt der Umgang mit der ARD ein leichter.

Stellt sich da nicht die Frage, was der WDR unter Führung und Autorenpflege versteht? Hätte einer, der seine Arbeit weniger verbissen angeht, bei Widerständen einknickt und sich allseits geschmeidig verhält, Recherchen abgeliefert, wie es Seppelt am laufenden Band tut? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich einen wie ihn leisten können, sollte man meinen. Als Gegenleistung bekommt er publizistisches Renommee. Wie viel ist der ARD das wert?


Mehr Folgen der Medienkolumne bei DAILY, eine Auswahl:

  • Wie anfällig ist Journalismus für Bestechlichkeit? Eine Antwort.
  • 25 Jahre "Focus": Ulrike Simon erinnert sich an die erste Ausgabe der Nachrichtenzeitschrift. Hier geht es zum Text.
  • Freie Journalisten, entdeckt eure Selbstachtung. Eine Aufforderung.