CHRISTIANE OHDE / IMAGO, SPIEGEL DAILY

Streit um Gender Studies

Überall relevant

Warum nicht die Gender Studies ideologisch geprägt sind, sondern die Angriffe gegen sie. Ein Kommentar.

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Der CDU-Nachwuchs-Star Jens Spahn, die AfD und diverse Journalisten hassen sie: die Gender Studies. Abschaffen wollen sie die "Gender-Ideologie". Deren Ziel sei es nämlich, Mann und Frau entgegen aller Fakten - Frauen können schließlich schwanger werden - gleich zu machen. 

Spahn hat das bedrohliche Szenario skizziert, bald gäbe es mehr Lehrstühle für "Gender-Mainstreaming" als für Humanmedizin. Und die AfD bezeichnet Geschlechterforschung als "Steuerverschwendung". 

Ideologisch geprägt sind aber nicht die Gender Studies, sondern die Angriffe gegen sie. 

Ihre Gegner verbreiten falsche Behauptungen. Bei Spahn ist offensichtlich, dass er nicht einmal weiß, wovon er spricht: Es kann keine Professoren für Gender-Mainstreaming geben, weil es das Studienfach nicht gibt.

Die Attacken nehmen zu

Gender-Mainstreaming ist eine politische Maßnahme, die vor allem in der EU und ihren Mitgliedstaaten zur Gleichberechtigung der Geschlechter eingesetzt werden soll. Gender Studies hingegen forschen dazu. Dass sie immer mehr Lehrstühle besetzen würden, ist auch falsch: Weniger als ein Prozent aller Professuren in Deutschland sind Genderfragen gewidmet. Und die Angriffe der letzten Jahre führen nicht dazu, dass mehr Mittel bereit gestellt werden.

Weil die Attacken gegen Gender Studies zunehmen und dabei deutlich wird, dass viele gar keine Ahnung haben, was darunter zu verstehen ist, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an diesem Montag unter dem Hashtag #4genderstudies über Leistungen und Ergebnisse der Geschlechtserforschung informiert: Die Forschung reicht von geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen über Studien zu Karrierepfaden bis zu Wandlungen der Arbeitswelt.

Das Thema wird überall dort erforscht, wo Geschlecht als soziale Größe Relevanz hat. Also überall. 

Was die Biologie verrät - und was nicht

Es betrifft damit mehr als andere wissenschaftliche Fragestellungen jede Einzelne und jeden Einzelnen. Etliche Studien kommen etwa zum Ergebnis, dass die Wahrnehmung von Frauen und Männern in vielen Unternehmen und Organisationen stark verzerrt ist - und dass deshalb Männer strukturell bevorzugt werden und Frauen weniger Chancen haben. Das wiederum ist natürlich Teil der Erklärung des Gender Pay Gaps. 

Diejenigen, die von den gegenwärtigen "Verzerrungen" - ob bewusst oder unbewusst - profitieren, wollen selten Aufklärung darüber fördern. 

Die Kritik, Gender Studies würden "die Natur" ignorieren, ist ebenfalls Unsinn. Die Biologie unterscheidet in biologisches Geschlecht (sex) und soziales Geschlecht (gender). Das biologische Geschlecht erschließt sich uns aber nicht jenseits des Sozialen. Ob jemand eine Gebärmutter hat oder nicht, sagt auch laut der biologischen Forschung weiter nichts über Vorlieben, Interessen und Talente aus. 

Der Mediziner und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck erklärte schon 1930, dass alle Phänomene – erscheinen sie uns auch noch so selbstverständlich – kulturell bedingt sind. Angesichts der Vorwürfe, die Gender Studies seien nicht wissenschaftlich genug, ist es verständlich, dass manche Geschlechter-Forscher oder -Forscherinnen es von sich weisen, Teil eines politischen Emanzipationsprojekts zu sein. Doch die Relevanz einer gelungenen Sozialforschung begründet sich gerade in ihrem Beitrag zur Emanzipation von Vorurteilen, von Mythen, die etwa der Legitimation von Ausbeutungsverhältnissen dienen.

Zu erforschen, wie die Ordnungen der Dinge, der Geschlechter sind, warum sie so sind und wie sie so werden konnten, zeigt ihre Bedingtheit auf. Es macht deutlich, dass sie an andere historische und lokale Phänomene gebunden sind, dass sie etwa mit rassistischen und klassistischen Kategorien zusammenwirken und durch ökonomische Verhältnisse verfestigt werden. 

Diese Art von Forschung ist keineswegs ideologisch, sondern immer emanzipatorisch, denn sie macht klar: Dass die Dinge auch anders sein könnten. Und dazu sind die Gender Studies besonders geeignet.

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