KARLHEINZ PAWLIK / IMAGO

Die Medienkolumne

Je weniger Kioske, desto stärker die AfD

Ein alternativer Blick auf die Ergebnisse der Bundestagswahl.

LESEZEIT 3min

Neulich war ich zu Besuch in meiner alten Heimat. Es war Sonntag, in Deutschland wurde gewählt, und ich wollte Zeitungen kaufen. Dort, wo ich herkomme, gibt es dafür sonntags nur einen Anlaufpunkt: die Tankstelle.

Als ich den Verkaufsraum betrat, war ich verwirrt. Der neue Pächter hatte umgebaut. Tresen und Kasse stehen nun rechts statt links, ich musste mich orientieren. Mein Blick fiel auf ein Zeitschriftenregal, kaum mehr als einen Meter breit. Früher nahm das Zeitschriftenregal die komplette Wand ein. Ich suchte weiter, Zeitungen fand ich keine. Also fragte ich.

„Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“? „Welt am Sonntag“? Die Frau hinterm Tresen sah mich an, als hätte ich ein Klavier verlangt. Unverrichteter Dinge machte ich kehrt.

Es ist kein 250-Seelen-Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Vielmehr handelt es sich um eine prosperierende Kleinstadt im Südwesten der Republik. Überall wird gebaut, die Bevölkerung wächst, man zeigt, was man hat. Nur einen Kiosk braucht es zum Prosperieren anscheinend nicht.

Immerhin gibt’s im neuen Rewe-Markt Zeitungen, neben der lokalen, die ich nicht ausstehen kann, auch überregionale. Ein Lichtblick, leider nicht am Sonntag, da hat der Markt geschlossen. Doch selbst werktags muss man sich beeilen. Oft ist die Wunschzeitung schnell ausverkauft. Davon abgesehen: Wer außer mir stellt sich wegen einer einzigen Zeitung freiwillig ans Ende einer meterlangen Kassenschlange?

Es wird einem nicht einfach gemacht, will man heutzutage eine gedruckte Zeitung kaufen. Ob das den Verlagen bewusst ist?

Hamburg versus Sachsen

Am Tag nach der Bundestagswahl brach in den Medien die Zeit der Analysen an. Mutmaßungen wurden angestellt, woran es liegen mag, dass die AfD vor allem im Osten so gut abgeschnitten hat. Von mangelndem Demokratieverständnis war die Rede, ganz allgemein von einem diffusen Gefühl des Abgehängtseins und vom Phänomen des ostdeutschen Mannes im Besonderen.

Ich habe eine eigene Theorie, woran es liegt:

  • Mit 27 Prozent der Stimmen wurde die AfD in Sachsen bei dieser Bundestagswahl die stärkste Partei, noch vor der CDU. In keinem anderen Bundesland war die AfD erfolgreicher. Gleichzeitig gibt es in keinem anderen Bundesland weniger Kioske als in Sachsen, nämlich 1,37 pro 100.000 Einwohner.

Ein Zufall? Ich machte den Gegenversuch:

Nirgends in Deutschland ist die Kioskdichte höher als in Hamburg: 24,84 zählt der Bundesverband Presse-Grosso pro 100.000 Einwohner. Das AfD-Ergebnis? Magere 7,8 Prozent. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt kam sie auf 12,6 Prozent.

Auch das: ein Zufall? Ich bat den Grossistenverband, anhand seiner Daten eine Deutschlandkarte zu erstellen. Das Ergebnis: Die Bundesländer mit der geringsten Kioskdichte liegen vorrangig im Osten der Republik, also dort, wo die AfD die meisten Wählerstimmen bekam.

  • In Brandenburg gibt es 2,05 Kioske pro 100.000 Einwohner. Dort wurde die AfD mit 20,2 Prozent zweitstärkste Kraft.
  • Thüringen hat 2,35 Kioske pro 100.000 Einwohner. Auch hier ist die AfD mit 22,7 Prozent zweitstärkste Partei.
  • Ähnlich Sachsen-Anhalt: 3,07 Kioske kommen hier auf 100.000 Einwohner, 19,6 Prozent lautete das Wahlergebnis der AfD. Wieder wurde sie zweitstärkste Kraft.
  • Nicht viel anders das Bild in Mecklenburg-Vorpommern: Auf 100.000 Einwohner kommen 5,58 Kioske, die AfD steht mit 18,6 Prozent an zweiter Stelle nach der CDU.

Zurück in meine alte Heimat. Die doch noch gar nicht so lange hier lebenden Flüchtlinge beherrschen den lokalen Dialekt inzwischen besser als ich, die vor dreißig Jahren weggezogen ist. Und seitdem im ortsansässigen Fußballverein vermehrt Migranten spielen, kickt er auf einer Welle des Erfolgs. Nur einen Kiosk gibt es nicht, und die Tankstelle bietet nun auch kein Ersatz mehr. Die AfD kam übrigens auf 17,2 Prozent der Stimmen. 

Aus den Augen, aus dem Sinn 

Kioske sind Orte, an denen sich alte und neue Nachbarn begegnen, an denen Neuigkeiten ausgetauscht werden, an denen man, bewusst oder nur beiläufig, Magazintitel und Zeitungsschlagzeilen wahrnimmt, was nicht selten zu weiteren Gesprächen führt und am Ende womöglich zum Kauf. Wo es diese Orte nicht (mehr) gibt, fällt all das weg. 

Das schrittweise Verschwinden mag nachvollziehbar sein: Als Kioskbetreiber wird niemand reich. Viele haben bereits aufgegeben. Gedruckte Zeitungen und Magazine werden weniger gekauft, die Supermärkte sind oft bis spätabends geöffnet, und der sinkende Zigarettenkonsum tat sein Übriges, um die negative Entwicklung zu beschleunigen. 

Wer aber an einem Ort lebt, in dem nichts mehr im Straßenbild an die Existenz von Zeitungen erinnert, nicht einmal der Schriftzug über oder der Aufsteller vor einer Ladentür, wer also an einem Ort lebt, an dem das Ergattern einer Zeitung die Ausnahme, die vergebliche Suche aber die Regel ist, der gewöhnt sich das Zeitunglesen irgendwann wahrscheinlich wirklich ab. Man informiert sich anderweitig, sporadisch, womöglich gar nicht mehr. 

Welches Weltbild daraus entstehen kann, zeigen die Ergebnisse dieser Bundestagswahl.