Streit um ihre Lebensgeschichte: die Sennerin Mare.

Die Medienkolumne

Alles nur geklaut?

Ein Reporter des "Stern" und eine Buchautorin liegen im Clinch. Es geht um die Geschichte einer alten Sennerin.

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Es hätte wenig bedurft, um den Ärger zu vermeiden. Ein Hinweis hätte genügt, ein Einschub, ein Halbsatz – mehr nicht. So aber steht der Verdacht im Raum, einer, der mit dem European Press Prize ausgezeichnet und mehrfach schon für den Deutschen Reporterpreis nominiert wurde, habe die Idee für einen Artikel geklaut. Ein schwerwiegender Verdacht.

Nun bezichtigt jeder den anderen der Lüge, fühlt sich der eine vom anderen an den Pranger gestellt, hintergangen, verleumdet, ausgenutzt.

Die Protagonisten des Dramas: Felix Hutt, Bayern-Korrespondent des "Stern", und Christiane Tramitz, eine in Bayern lebende Autorin. Ihr jüngstes Buch "Harte Tage, gute Jahre" handelt von der "Sennerin vom Geigelstein". Mare heißt sie.

Mare ist noch keine 18, als sie beschließt, ihr Zuhause auf dem Bauernhof zu verlassen und fortan auf einer Alm zu leben, sommers wie winters. 1941 war das, mitten im Krieg. Ins Tal hinunter will sie nicht mehr, auch wenn das Leben hart ist dort oben. Am 25. Juni dieses Jahres stirbt Mare in ihrer Hütte, der letzten auf dem Weg zum Gipfel des 1800 Meter hohen Geigelstein. Sie wird über 90 Jahre alt.

"Von mir aus, dass du Ruhe gibst"

Christiane Tramitz wollte dieses Leben erzählen. Drei Jahre lang, sagt sie, habe sie daran gearbeitet, habe mit vielen Menschen geredet, Archive durchwühlt und war vor allem immer wieder oben auf dem Geigelstein. Sie sagt, es habe gedauert, bis die alte Frau Vertrauen zu ihr fasste. Schließlich stimmt Mare zu.

"Von mir aus, dass du Ruhe gibst", sagt die Greisin in diesem Video. Wem die Stimme des Erzählers bekannt vorkommt: Es ist die von Christian Tramitz, Schauspieler, Kollege von Michael "Bully" Herbig und Ex-Mann der Autorin.

Am Ende des Trailers sieht man die schwerhörige Mare, wie sie ein Buch in ihren Händen hält. Es ist das Buch über ihr Leben als Sennerin vom Geigelstein, geschrieben von Christiane Tramitz.

Ihnen, lieber Leser, kommt die Geschichte mit der alten Frau auf der Alm bekannt vor, obwohl Sie das Buch gar nicht kennen? Möglicherweise haben Sie Anfang August den ganzseitigen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gelesen, auch er stammt von Christiane Tramitz. 

Oder aber Sie kennen die Geschichte vom "Stern".

Als eigene Recherche verkauft

Vor zwei Wochen stand sie dort auf mehreren Seiten ausgebreitet. Verkauft wurde sie als eine Recherche von Felix Hutt. Über ihn schreibt der "Stern" am Ende des Textes: "Felix Hutt lernte von der Mari (Anmerkung: Hutt nennt die Sennerin Mari, nicht Mare), dass Schnaps gesund ist, weil er den Körper von innen desinfiziert."

Das klingt nach großer Näh des Autors zu der Sennerin. Tatsächlich traf er Mare ein einziges Mal, kurz vor ihrem Tod, Anfang Juni. Da war sie schon nicht mehr ansprechbar, geschweige denn als Quelle dienlich. Die Fahrt hoch auf die Alm hatte Christiane Tramitz organisiert.

Zwei Versionen derselben Geschichte

Von hier an muss ich aufpassen, was ich schreibe, denn es gibt zwei Versionen der Geschichte.

Die Version vom "Stern" lautet: "Die Darstellung des Lebens der Mari in der Reportage basiert ausschließlich auf den eigenen Recherchen von 'Stern'-Autor Felix Hutt". Das Buch von Frau Tramitz sei von ihm "weder als Quelle genutzt" worden, noch "hängt es mit seiner Reportage zusammen".

Hutt selbst äußerte sich im Gespräch mit mir auch dazu, zog die zuvor getroffene Vereinbarung, ihn zitieren zu dürfen, im Nachhinein aber wieder zurück. Als ich ihn an die Verabredung erinnere, wird er unangenehm und unterstellt mir unseriöses Arbeiten. Hat das etwa Methode? Auch Christiane Tramitz hielt er unsauberes Arbeiten vor, nachdem sie auf einer aus ihrer Sicht getroffenen Verabredung gepocht hatte.

Tramitz' Version der Geschichte lautet nämlich, es sei ihre Buchagentin gewesen, die Hutt "auf das anstehende Buch aufmerksam gemacht und ihm die Geschichte angeboten" habe: "unter der Voraussetzung, dass das Buch beziehungsweise meine Rechercheleistung in der Reportage erwähnt wird".

Auf Hutts Bitte hin habe sie daraufhin den Besuch bei der Sennerin organisiert, mitsamt einer Fotografin. Auf seine Bitte hin habe sie ihm auch "fast alle meine Kontakte von Zeitzeugen, Bekannten und Verwandten der Sennerin" geliefert. Doch dann habe Hutt nichts mehr von der ursprünglich getroffenen Vereinbarung wissen wollen.

Die Geschichte habe sie ohnehin nicht seriös recherchiert, muss sie sich anhören. Tatsächlich legt sie am Ende des Buchs offen: "Einige Teile des Inhalts sind fiktiv." Das gelte "aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen" für "die Geschichte von Mares Verwandtschaft" und "die Namen der meisten Beteiligten".

Ist das ein Grund, die Geschichte der Sennerin vom Geigelstein als hundertprozentige "Stern"-Geschichte zu verkaufen? "Der 'Stern' hat sich zu nichts verpflichtet", sagt eine Sprecherin.

Aussage gegen Aussage

Unbestritten ist: Die Idee, die Geschichte der Frau von der Alm zu erzählen, war nicht auf Hutts Mist gewachsen. Lianne Kolf bestätigt, dass sie es war, die ihn darauf aufmerksam gemacht hat. Kolf ist eine langjährige Bekannte des "Stern"-Autors, außerdem Christiane Tramitz' Literaturagentin.

Nachdem Hutt sichergestellt hatte, dass der "Stern" an dem Stoff interessiert ist, und feststand, dass Tramitz' Buch bei Droemer Knaur erscheint, zog sich Kolf zurück und informierte den Buchverlag über die Vereinbarung mit Felix Hutt vom "Stern". So stellt es die Literaturagentin dar.

Von da an standen sich die beiden Seiten feindlich gegenüber

Später, sagt Kolf, habe sie erfahren, dass Hutt in seiner Reportage keinen Bezug herstellen wolle zu dem Buch. Darüber informierte sie Christiane Tramitz. Von da an standen sich die beiden Seiten feindlich gegenüber.

Die Buchautorin beharrte auf der Vereinbarung, deren Existenz Hutt und der "Stern" bestritten. Juristen wurden eingeschaltet. Ohne schriftlichen Nachweis war gegen den "Stern" jedoch nichts auszurichten. Zudem wollte es sich Droemer Knaur für die Zukunft mit der Zeitschrift nicht verderben.

Eine Sprecherin von Droemer Knaur suchte immerhin den Kontakt zu "Stern"-Chefredakteur Christian Krug, der sich ihr gegenüber vor seinen Autor stellte. Bei mir wollte er sich auf Anfrage nicht persönlich äußern. Er lässt lediglich ausrichten, Felix Hutt habe für seine Recherchen keine Kontakte der Buchautorin genutzt, "sondern ein eigenes Netzwerk aufgebaut".

"Der Typ war zu faul, hochzugehen"

Hutt habe sich mit fremden Federn geschmückt, schreibt Tramitz in ihrer Wut bei Facebook. Und wird in den Kommentaren noch deutlicher: "Der Typ war zwei Stunden bei Mare, war zu faul, hochzugehen, ließ sich mit dem Auto hochkutschieren. Gesprochen hat er mit Mare kein Wort, hat nur dagesessen."

Der "werte Herr Hutt", "a ziemlicher Preiss" habe sich nicht an die Abmachung gehalten. Ihre Facebook-Freunde kündigen an, Protestbriefe an den "Stern" zu schreiben. 

"Ich bin als jahrzehntealter 'Stern'-Fan und wöchentlicher Leser entsetzt über diese Art der Berichterstattung. Ich schätze dieses großartige Buch von Christiane Tramitz. Für mich ist das ein Skandal", formuliert einer. "Echt fies", "so unfair", meinen andere.

Die paar mickrigen Zeilen?

Hätte sie geahnt, dass Hutt sie und ihr Buch in der Reportage nicht erwähnt, sagt Tramitz, hätte sie sich doch nie die Mühe gemacht, derart eng mit ihm zu kooperieren und auch noch für ihn den Besuch bei Mare auf der Alm zu organisieren.

Das Argument, dass der "Stern" in einer früheren Ausgabe im Kulturteil einen Buchhinweis abgedruckt habe, zählt für Tramitz nicht. Die paar mickrigen Zeilen? So sei das nicht vereinbart gewesen.

Katharina Ilgen, Sprecherin bei Droemer und Knaur sagt, "wir haben daraus die Lehre gezogen, dass wir in Zukunft private Absprachen zusätzlich zwischen Verlag und Redaktionen schriftlich festhalten werden". An der Seriosität der Autorin und ihres Buches gebe es jedoch keinen Anlass zu zweifeln.

Vielleicht war Mare womöglich deshalb ein so langes Leben beschert, weil sie dort oben auf dem Geigelstein von den Streitereien der Menschen im Tal nichts mitbekam. Sicherlich ist es aber ganz gut so, dass sie nicht miterleben musste, wie nun über ihre Lebensgeschichte gestritten wird.