TIM BRAKEMEIER / DPA, SPIEGEL DAILY

Die Medienkolumne

Woanders ist es auch nicht besser

Die "taz" war einmal die jüngste deutsche Zeitungsredaktion. Jetzt gehen die Ersten in Rente.

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Durchlauferhitzer wird die "taz" gern genannt. In der Redaktion ist ein stetes Kommen und Gehen. Wer jung und unerfahren ist, darf hier auf eine Chance hoffen. Das Gehalt ist mies, aber wer gut ist, wird schnell abgeworben. 

Kaum ist der eine weg, rückt der nächste nach. Die "taz" gilt als die jüngste Zeitungsredaktion des Landes. Der Ruf täuscht. 

Wer bei der Gründung der "taz" Ende der Siebziger dabei war, erreicht jetzt das Rentenalter. Langjährige Mitarbeiter in den Ruhestand zu verabschieden, ist bei der "taz" eine neue Erfahrung. Eine, bei der sie allerdings langsam in Übung kommt. 

Denn es gibt eine ganze Reihe von "tazzlern", die nie einer abgeworben hat, die den richtigen Moment zum Absprung verpasst haben oder die sich einfach nicht vorstellen konnten, irgendwo anders zu arbeiten als bei der "taz".

Der Säzzer 

Einer von ihnen ist der Säzzer, auch bekannt als Georg Schmitz. Zum Teil der "taz"-Historie wurde er, weil er viele Jahre seine kursiv in Klammern gesetzten Kommentare mitten in die Artikel und ohne Wissen der Autoren platzierte, unterzeichnet mit: "der Säzzer". 

Den Beruf des Setzers gibt es längst nicht mehr. Der technische Fortschritt in der Zeitungsherstellung hat ihn überflüssig gemacht. Schmitz wechselte in die Aboabteilung. Am Dienstag war sein letzter Arbeitstag. Zur Feier durfte er noch einmal seines alten Amtes walten, ganz offiziell. Auf Seite Eins erschien der Zusatz: "heute mit Säzzer-Kommentaren".

Alte Liebe

In den vergangenen Wochen traf ich mehrere seiner Generation: Georg Baltissen, seit November in Rente, Jutta Lietsch, deren Ruhestand mit dem heutigen 1. März beginnt, und Jan Feddersen. Er hat zwar noch fünf Arbeitsjahre vor sich, weiß aber, dass er sie nirgendwo anders als bei der "taz" verbringen wird. 

Mit ihnen über die "taz" zu sprechen, ist wie über eine alte Liebe zu reden. Sie wissen um die Schwächen, aber auch um die Vorzüge. Die Beziehung kennt Aufs und Abs. Je mehr man sich aneinander aufrieb, umso stärker wuchs das Gefühl einer tiefen Verbundenheit.

IMAGO Das "taz"-Gebäude in Berlin.


Der "verboten"-Alterspräsident

Für unser Treffen überlässt Georg Baltissen die Terminwahl mir. Er hat ja jetzt Zeit. Finanziell ist seine Situation weniger entspannt. Mit seinen zuletzt etwas mehr als 1900 Euro Gehalt gehörte er bei der "taz" zu den Gutverdienenden. Seine monatliche Rente beträgt 450 Euro. Das reicht zusammen mit den 350 Euro seiner Frau gerade mal für die Miete. 

Ein Umzug innerhalb Berlins käme für die beiden nicht günstiger bei den Mietpreisen. Da es in absehbarer Zeit schwierig werden könnte, die fünf Stockwerke ohne Fahrstuhl zu bewerkstelligen, sieht sich das Rentnerpaar derzeit nach einer neuen Bleibe um: irgendwo zwischen Wendland und der Küste, sagt der leicht nuschelnde Rheinländer mit dem Schnäuzer und erzählt: Nach dem Tod seiner Mutter hat ihm der Bruder den Anteil am Elternhaus ausbezahlt. Das Geld wird einige Jahre reichen, hofft er. Mit wenig auskommen zu müssen, ist er gewohnt.

Genügsam, Erbe oder reich verheiratet

Um sich leisten zu können, bei der "taz" zu arbeiten, gibt es drei mögliche Lebenswege: Entweder man ist genügsam, Erbe oder hat einen gut verdienenden Partner in sicherer Anstellung. 

Wie alles anfing mit Baltissen und der "taz"? Ende der Siebzigerjahre war das, in Bonn. Er arbeitete für die Informationsstelle Palästina, gab ein wöchentliches Bulletin heraus und wohnte in einer WG, bei der Christian Ströbele zu Besuch war. Der Grünenpolitiker gehörte zu den Gründern der "taz", doch noch war sie nur ein Hirngespinst. 

Als die Zeitung tatsächlich erscheint, findet Baltissen das Konkurrenzblatt "Die Neue" spannender, da professioneller. Trotzdem schreibt er hin und wieder für das Auslandsressort der "taz". 1995 zieht er nach Berlin, wird Israel-Korrespondent, später Auslandsredakteur und schließlich Chef vom Dienst. Sein tägliches Problem: einen Autor für die tägliche "verboten"-Rubrik auf Seite Eins zu finden. 

Oft springt Deniz Yücel ein, als der noch nicht an einen Wechsel zur "Welt" denkt. Baltissen mag Yücel. Seine politischen Ansichten hält er für schwachsinnig. Aber er fetzt sich gern mit dem jüngeren Kollegen, und Yücel erweist sich als ein wunderbarer "verboten"-Autor. Manchmal, wenn sich gar kein Autor findet, schreibt Baltissen die paar Zeilen selbst. Irgendwann verleiht ihm ein Kollege den Titel "verboten-Alterspräsident". Wir konnten ja nicht mit einem leeren Fleck auf dem Titel erscheinen, sagt Baltissen. Er sagt noch immer "wir".

Innere Distanz aufgebaut

Doch dann erzählt Baltissen von einem Schlüsselerlebnis. Es ließ ihn anfangen, eine innere Distanz zur "taz" aufzubauen. In der Redaktion wurde über die Nähe zur Politik diskutiert. Ein verantwortlicher Redakteur sagte, einem Politiker müsse man erst einmal glauben. Das genau sei seine Haltung nicht, sagt Baltissen. Bei allem, was ein Politiker von sich gebe, müsse man sich fragen, wovon er ablenkt, was er verbirgt. 

Dann wieder wird Baltissens Stimme milde. Er erzählt vom Auslandsressort - dem "dienstältesten der Erde", wie ein Kollege einmal schrieb. "taz"-Chef Georg Löwisch sagte einmal, dort sei der "taz"-Spirit noch am stärksten zu spüren. Das dürfte sich ändern. Mit Beate Seel geht in Kürze die Nächste in Rente. 

Baltissen sorgt sich. Nicht nur, weil die Jüngeren ihren Chefs gegenüber weniger aufmüpfig sind. Das Bestreben, in der Berichterstattung nicht hintenanzustehen, mache die "taz" gleichförmig, glaubt er. Befördert würde das, weil ein Drittel derer, die von der Journalistenschule fertig ausgebildet zur "taz" kommen, dies in seinen Augen vor allem tun, weil es sich gut macht in ihrer Vita.

Flucht nach drei Wochen

Ach, winkt Jutta Lietsch ab, als ich sie einige Tage danach im "taz"-Café treffe. Nicht alles sei schlechter als früher. Das Chaos, die endlosen Debatten von einst vermisst die langjährige Asien-Korrespondentin wahrlich nicht. 

Sie ist von dem Theoretisieren schon genervt, als die linke Szene seinerzeit die Auswirkungen von Maos Tod diskutiert. Lietsch weiß aus eigener Anschauung, wie der Alltag in China aussieht. Nach drei Wochen flüchtet die Sozialwissenschaftlerin vor der "taz". Das war Anfang der Achtzigerjahre. Der Kontakt aber reißt nicht ab. 

In den Neunzigern kehrt sie als Auslandsredakteurin zurück, geht anschließend 16 Jahre lang als Korrespondentin nach Südostasien und China - und gehört die letzten Jahre der Schwerpunktredaktion an, zuständig für die vorderen Seiten. 

Am 1. März hat ihr Ruhestand wirklich begonnen. Und jetzt? Will sie mit ihrem Mann, dem früheren SPIEGEL-Reporter Andreas Lorenz, reisen, solange die Knochen tragen. Nach Asien, klar, aber auch in andere Länder. In Spanien war sie noch nie. Auch nicht in Prag. 

Überhaupt freut sie sich, nicht mehr ständig auf dem Laufenden sein, immer dieses schlechte Gewissen haben zu müssen. Sie wird nun entspannt einen Roman zu Ende lesen können, selbst dann, wenn es irgendwo auf der Welt brennt. 

Dankbar ist sie jedoch, dass sie als nicht ausgebildete Journalistin anfangs so viel kollegiale Unterstützung erfuhr. Vor allem aber ist sie froh, dass sich die "taz", anders als andere Zeitungen, weiterhin ein eigenes Auslandsressort leistet und damit auf die Kompetenz von Fachredakteuren setzt.

Sauhaufen mit Fressklo

Die "taz" lässt ihre Leute anscheinend nicht los. Das beste Beispiel dafür ist Jan Feddersen. Angefangen hat er bei der Hamburger Lokalausgabe während des Studiums als Aushilfe im Satz. Als gleich beide Kollegen vom Sportressort krank werden, springt er ein. Von nun an ist er Volontär. 31 Jahre ist das her. Was die "taz" in seinen Augen ist? Das erste Medium, das der grün-alternativen Szene eine Stimme gab, noch bevor die Grünen gegründet wurden. 

Die Hamburger Redaktion aber erlebt er als Sauhaufen. Die Umgangsformen? Entweder man scheitert an ihnen oder geht gestärkt daraus hervor. Die Kantine nennen sie Fressklo. Jeden Tag gibt es etwas anderes, sieht aber immer gleich aus. 

Nach dem Volontariat wechselt er zur "Zeit". Dort fragt er sich, was dreieinhalb Redakteure, die für vier Reiseseiten zuständig sind, mit dem Rest der Woche anfangen. Ein anderer braucht zum Redigieren eines einzigen Artikels zwei Tage. Feddersen langweilt sich, schreibt weiter unter Pseudonymen für die "taz" und baut sich einen Bauchladen als Freier auf. 1996 ereilt ihn der Ruf nach Berlin. Es reizt ihn, den Fall von Kanzler Kohl in der "taz"-Zentrale zu erleben.

Zu viel Mittelstand, zu wenige Dissidenten

Eine gewisse Distanz zu seiner Zeitung hat er sich bewahrt. Als schwuler Mann mit Coming-out im Jahr 1977 habe er ein anderes kulturelles Bezugssystem als der typische "taz"-Redakteur, sagt er. Wie Baltissen stört er sich daran, dass in der Redaktion fast nur Mittelstandskinder umherlaufen. Er vermisst Dissidenten, die Entsetzliches schreiben, das aber mit Verve. 

Trotzdem gibt es keinen Tag, an dem er die "taz" nicht liest. Ob er nie die Schnauze voll hatte? Und wie! Nicht nur, weil das Arbeiten für die "taz" finanziell ein monatlich wiederkehrendes Inferno bedeutet. Als die Chefredaktion ihn einmal loswerden will, sagt er sich aber: Die kriegt mich nicht. Er hat sie überlebt. 

Die "taz" ist für ihn das Medium geblieben, das wie ein Seismograph gesellschaftliche Trends erkennt. Und wenn er sich wieder ärgert, aber hört, wie es Kollegen in anderen Redaktionen ergeht, denkt er sich: Woanders ist es auch nicht besser. Er ist jetzt 60. Er wird der "taz" treu bleiben. Bis zur Rente.

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