JULIA ZIMMERMANN / F.A.Z.

Die Medienkolumne

Elf Freunde

Der Dreiteiler, die Filterlose, sein Lachen: Günter Bannas verlässt den Hauptstadtjournalismus. Nach fast 40 Jahren FAZ.

LESEZEIT 11min

Am besten gebe ich es gleich zu. Mir ist die Kontrolle über diese Kolumne entglitten. Mein Plan war, eine Hand voll Hauptstadtjournalisten ein paar Zeilen über Günter Bannas schreiben zu lassen. 

Ich dachte, anders als ich kennen die ihn nicht nur vom Lesen und gemeinsamen Rauchen. Folglich könnten sie viel besser erzählen, was Bannas in den fast vier Jahrzehnten, die er für die "FAZ" zunächst aus Bonn und später aus Berlin berichtete, zur Institution gemacht hat.

Wie üblich, vermutete ich, würden nicht alle mitmachen, weshalb ich zur Sicherheit einigen Kollegen mehr meine Bitte übermittelte. Aber keiner wollte sich lumpen lassen, alle sagten zu, es ging schließlich um Bannas.

Schon das sagt viel über diesen Mann, aber lesen Sie selbst.

P.S. Bitte lassen Sie sich von der Länge des nun Folgenden nicht schrecken. Ich wette: Sollten Sie zunächst nur den Beitrag vom X und den von der Y lesen wollen, werden Sie so viel Lust auf mehr bekommen, dass Sie wieder rückwärts scrollen, dann wieder vorwärts, und am Ende werden Sie doch alles gelesen haben. 

Es lohnt sich. Und jetzt höre ich auf und übergebe das Wort.

Nico Fried, "Süddeutsche Zeitung":

Als Büroleiter der "SZ" ist man ja so etwas Ähnliches wie der Büroleiter der "FAZ". Aber nur auf dem Papier. Denn Günter Bannas war unerreichbar für mich.

Erstens in der Gründlichkeit: Als 2005 Andrea Nahles mit ihrer Kandidatur als SPD-Generalsekretärin den Parteivorsitzenden Franz Müntefering in den Rücktritt trieb, lieferte Bannas auf einer ganzen Seite quasi das Wortprotokoll der entscheidenden SPD-Vorstandssitzung. "Das hätte man bei uns auch gerne gelesen", hieß es dazu von meinem Chefredakteur.

Zweitens in seiner Präzision: Günter Bannas hat nach Regierungserklärungen von Angela Merkel immer gewartet, bis auch Volker Kauder im Bundestag gesprochen hatte. Ich fand, ein CDU-Politiker pro Debattenbericht reicht, aber Bannas nahm den Unterschied zwischen Kanzlerin und Fraktionschef, also zwischen Regierung und Parlament, sehr genau. Und manchmal erlebte er so noch schöne Koalitionskonflikte, während ich schon auf dem Weg in die Redaktion war. "Warum hat der Bannas das, und wir nicht?", lautete dann wieder die Frage aus München.

Drittens in seiner Vielseitigkeit: Günter Bannas hat es geschafft, einen Leitartikel auf Seite 1 der "FAZ" über Fußball zu platzieren. So was würde ich auch sehr gerne mal schreiben, aber niemand in München will es lesen.

Worum ich Bannas jedoch ehrlich am meisten beneide, das ist seine Uneitelkeit. Bannas hat keine Allüren, er ist freundlich im Umgang, er twittert seine Artikel nicht – und er wird trotzdem gelesen. Von allen. Er heischt nicht um Beachtung, er hat sie. 

Robert Birnbaum, "Tagesspiegel":

Mit dem Günter Bannas ist es so, dass er immer schon zum Inventar gehörte. Jedenfalls kann sich niemand daran erinnern, dass es je anders gewesen wäre. Ich habe ihn folgerichtig in dieser Eigenschaft kennengelernt. 

1991, Grünen-Parteitag in Neumünster. Ganz großes Kino, was mir aber überhaupt nicht klar war. Jungreporter bei der Agentur Reuters mussten damals immer erst mal die Grünen als Partei betreuen, übungshalber, während die etablierten Kollegen sich die ernsthaften Parteien vorbehielten. 

Sie taten dies allein schon deshalb, weil es dort ein üppiges Journalistenbüffet gab, während man bei der Öko-Truppe mangels Sponsoren auf das Hallencatering angewiesen war. In Neumünster fanden normalerweise Pferdeauktionen statt.

Ansonsten wurde aber etwas geboten. Die Grünen waren in der ersten Deutsche-Einheit-Wahl frisch aus dem Bundestag geflogen, in dem für die nächsten vier Jahre nur ein paar versprengte Bündnis-90-Vertreter die Stellung hielten. Zum letzten Mal kam eine Wasserpistole zum Einsatz. Und irgendwann sammelte Jutta Ditfurth ihre linken Fundi-Truppen in einem Nebensaal, und Joschka Fischer gruppierte seine Realos im Sitzkreis im Foyer um sich herum, und wenig später zogen die Ditfurther aus – aus der Halle, der Partei und der weiteren politischen Geschichte der Republik.

Es ergab sich aber noch vor diesen erschütternden Szenen, dass ganz hinten in der Parteitagshalle Joschka Fischer zu einem Häuflein Presseleuten hinschlenderte. Da stand er dann, grummselte und knarzte in Halbsätzen vor sich hin, ohne dass man so richtig wusste, was er eigentlich wollte. 

Bis es aus ihm herausbrach: "Wo ist denn der Bannas?" Der Bannas war nicht da. Der stand etwas weiter vorne im Gespräch mit jemandem. Man gab ihm Zeichen. Der Bannas kam. Fischer grunzte zufrieden und hub an, die Welt zu erklären, wie er sie augenblicklich gesehen haben wollte.

Der Jungreporter hat damals drei Dinge gelernt: 

Erstens, dass der Fischer die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wichtiger nahm als, sagen wir, die "taz" – in der kam er nämlich sowieso vor; das Kampfblatt des Bürgertums hingegen musste betreut werden auf dem Weg von der Bewegung zur Partei. 

Zweitens, dass die meisten Informationen zu unsereinem weder zufällig kommen noch durch eifrige Recherche, sondern dadurch, dass man im richtigen Moment am richtigen Platz rumlungert. 

Und drittens, dass es ohne den Bannas einfach nicht geht. 

Bettina Gaus, "taz":

Vor einigen Jahren standen Günter Bannas und ich ziemlich schlecht gelaunt auf einer Festveranstaltung des Deutschen Bundestages in Berlin herum. Für unsere schlechte Laune gab es einen guten Grund: Natürlich herrschte Rauchverbot. Natürlich wollten wir rauchen. 

Plötzlich sahen wir, ganz am Ende des riesigen Saales, den damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. "Der muss es wissen", sagte Günter Bannas. "Komm! Schnell!" 

Wir rasten mit unziemlicher Eile auf den Zweiten Mann des Staates zu, der ganz eindeutig das Fest eigentlich gerade verlassen wollte. Aber wenn sich der Berliner Büroleiter der "FAZ" als Bollwerk vor jemandem aufbaut, dann hält sogar der Bundestagspräsident einen Augenblick inne. 

Niemals wäre Günter Bannas mit der Frage, um die es ihm eigentlich ging, einfach so herausgeplatzt. Ein bisschen Contenance möchte doch sein. Also plauderte er ein wenig über den Zustand der Koalition – geht als Thema immer und entspricht im politischen Berlin einer Konversation übers Wetter – bevor er dann endlich, wie beiläufig, die Frage stellte: "Können wir hier irgendwo rauchen?"

JULIA ZIMMERMANN / F.A.Z. Stehender Applaus für Günter Bannas nach seiner Abschiedsrede.

Norbert Lammert grinste. Nein, er lächelte nicht – er grinste. Und ich dachte einen Wimpernschlag lang, dass er vielleicht in der Schule ein wirklich netter Klassenkamerad gewesen sein mag. 

Dann beschrieb er den Weg, präzise und ausführlich: Ein Stockwerk tiefer, links, zweite Tür rechts, durch den Raum hindurch, in dem ein Klavier steht. Dann sind Sie da. Da waren wir dann auch. Nicht mehr schlecht gelaunt, sondern Sieger – über das System, über alle, die uns den Spaß verderben wollen, über alle, die meinen, uns vorschreiben zu wollen, wie wir unser Leben zu führen haben. 

Rauchen im Bundestag: Heutzutage steckt darin mehr Anarchie als in einem Bekenntnis zu Bakunin. Und das gehört eben auch zu Günter Bannas – ein Stück Anarchie. Was Günter Bannas über die Bonner und später die Berliner Republik nicht wusste und weiß, das muss man nicht wissen. Aber würde irgendjemand sentimental wegen eines Lexikons? Ach, Leute. 

Günter Bannas war und ist so viel mehr als ein kenntnisreicher Analytiker der Republik. Er ist lustig, bösartig und verklatscht. Dafür – und vor allem dafür – muss man ihn lieben.

Was haben wir über Leute gehetzt, nachdem wir es endlich in den Raucherraum des Deutschen Bundestages geschafft hatten!

Das wird mir fehlen. Nicht die Tatsache, dass er mehr weiß als Wikipedia. Obwohl auch das stimmt.

Christoph Schwennicke, "Cicero":

Es war zu Beginn meiner Zeit als Berlin-Korrespondent der "Süddeutschen". Ich begleitete Otto Schily für eine Seite 3. Eines Abends saß ich mit ihm in einem Münchner Lokal, als Schily mit väterlicher Strenge zu mir sagte: "Junger Mann, wenn Sie ein guter Parlamentskorrespondent werden wollen, dann nehmen Sie sich ein Beispiel an Bannas."

Was soll ich sagen? Schily hatte recht. Es ist vorbildlich, wie Günter Bannas seine zu vermutende politische Grundhaltung nie zur Richtschnur seiner Berichterstattung gemacht hat. Es ist das Geheimnis seines parteiübergreifenden Ansehens.

Was ich vermissen werde: Sein geradezu endemisches "Mal sagen so". Ich weiß nicht, warum er das immer sagt, "Mal sagen so". Außer bei ihm habe ich das noch bei niemand anderem gehört. Aber wann immer Bannas zu einer Rede anhebt, leitet er seine Sätze ein mit: "Mal sagen so". 

Andreas Hoidn-Borchers, "Stern":

Bannas, der. Zuweilen auch: Günter. Eines der letzten Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Journalisten-Spezies. Dennoch auf keinen Fall zu verwechseln mit "Kister, der". Anti-Misantrop. Trinkt noch, raucht noch, diktiert Texte, trennt Nachricht und Kommentar, macht praktisch keine Fehler. Besitzer einer sagenumwobenen Word-Datei mit Exzerpten aus Hintergrundgesprächen aus zwei Jahrtausenden.  

Kennt noch Trampert und Ebermann persönlich, wurde trotzdem nie aus dem Bonner "Südbahnhof" getragen. Trotz Hang zu Kölner Karneval und angegliederten Vereinen (FC!) hochseriös in Schreib- und Kleidungstil. Schöpfer einer eigenen Sprachkunst. Bannas-Sätze sind immer (immer!) auf Anhieb als solche zu erkennen: "Am Brauch aber, interne Kritiker zu besänftigen oder – nach dem Berliner Sprachgebrauch – >einzubinden<, wurde festgehalten."

Schwankte vor Jahren abends im Bremer Ratskeller lange, ob er den aus anderen Gründen schwankenden Peer S. in dessen Suada gegen die Genossen unterbrechen und davor bewahren sollte, mit dem Kopf gegen einen eisernen Leuchter zu stoßen. Hätte der SPD einiges ersparen können, aber die Solidarität unter Schiffsmodellbauern siegte.

Persönlicher Nachtrag: Günter, ich werde dich schwer vermissen – und das nicht nur, weil ich jetzt die rote Längstgedientenlaterne von dir übernehmen muss.

Gunter Hofmann, ehemals "Zeit":

Mein Bild von Günter Bannas? Vor Augen habe ich seine sorgfältig und akribisch selbst gefertigten Schiffsmodelle in seiner Wohnung. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen dieser Modellier-Liebe und seiner Art Journalismus.

Sehr tief eingetaucht ist er in die Welt der Politik. Kein Detail ist ihm zu schade, wenn das Hinsehen sich lohnt. Wenige sind mir begegnet unter den journalistischen Kollegen, denen von allen politischen Seiten derart viel Vertrauen entgegengebracht wird wie ihm.

Noch heute erinnern Grüne sich stolz, dass er zu ihren ersten Fraktionssitzungen in Bonn, damals noch öffentlich, mit einer grünen Krawatte auftauchte, und sie haben es als kleine Botschaft verstanden; aber für sich vereinnahmt haben auch sie ihn nicht, konnten sie auch nicht. Dazu ist er zu autonom.

DANIEL PILAR / F.A.Z. Hoher Besuch auf der Abschiedsfeier: Kanzlerin Merkel und Andrea Nahles.

In Zeiten, in denen so verantwortungslos die angebliche "Lügenpresse" und die "Systemmedien" diffamiert werden, war es dann doppelt wohltuend, ihn aus der Nachbarschaft (in Berlin wie schon in Bonn) bei der Arbeit zu verfolgen.

Besser lässt sich wohl nicht beweisen, dass man sich diese Politikwelt von innen erschließen und dieses "System" durchleuchten kann, ohne sich auch nur im Geringsten zu verbiegen oder zu kompromittieren.

Ohne Zynismus, liebevoll.

Holger Schmale, "Berliner Zeitung":

Günter Bannas und ich haben Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger in Bonn viele, viele Stunden bei den Grünen verbracht – in der Bundestagsfraktion, im Bundesvorstand, damals tagten die Gremien noch öffentlich. Und weil nur die "FAZ" und dpa es sich leisteten, dauerhafte Greenwatcher einzusetzen, bildeten Günter und ich bald eine Art Sitzungsgemeinschaft. Das war manchmal spannend angesichts der dort ausgetragenen Flügelkämpfe, Jutta Ditfurth hie, Joschka Fischer da, oft aber auch eine sehr trockene Angelegenheit. Das war ganz anders beim Perspektivenkongress der Grünen im Juni 1988, in und um die Godesberger Stadthalle.

Das Ganze entwickelte sich bei strahlendem Sonnenschein mehr zu einem Volksfest denn zu einem Kongress. Es gab auch Bierstände, an denen sich Teilnehmer und Beobachter erfrischen konnten. Angeregt durch die Grünen-Arbeitsgemeinschaft "Mensch und Tier" schlug Günter Bannas spontan die Gründung der Arbeitsgemeinschaft "Mensch und Bier" vor. Da wir sie nie aufgelöst haben, sind wir bis heute die einzigen Gründungs-, Vorstands- und überhaupt Mitglieder.       

Bettina Schausten, ZDF

Wenn Günter Bannas ins Regierungsviertel geht, führt ihn sein Weg unter meinem Fenster vorbei. Die Mittelstraße verbindet uns: Die "FAZ" hat dort ihr Berliner Büro, meines im ZDF geht nach hinten raus, nicht zur Linden-Seite, sondern zur – eben – Mittelstraße. Wenn Günter Bannas also Richtung Bundestag, Löbe-Haus oder Kanzleramt strebt, sehe ich ihn. Nie in Eile, stets in gesetztem Tempo, gern bekleidet mit dem, was man früher Übergangsmantel nannte.

Seiner ist ein zeitloser Trench, zeitlos in Schnitt und Farbe. Bei lauem Lüftchen weht er, der Mantel. Die elegante Variante von Columbos Trench, der stets zu klein war und fadenscheinig. Günters Trench ist klassisch, schlammfarben und ein wenig zu lang für den aktuellen Geschmack.

Da geht er also, der Columbo von Berlin-Mitte, und ist mit sich im Reinen. Er rennt nicht. Er macht das atemlose Alarmschreien nicht mit. Sein Journalismus, so wie er ihn versteht, ist so klassisch wie der Trench. Recherchieren, fragen, nochmal fragen, nach den Details vor allem, danach, wie das ganz genau war und wer da wann was zu wem gesagt hat.

JULIA ZIMMERMANN / F.A.Z. Bannas mit Gästen auf seiner Abschiedsfeier.

Ein Columbo-Gen ist ihm mitgegeben: Seine Fragen wirken harmlos, sein Interesse für scheinbar Unwichtiges wiegt seine Gesprächspartner in Sicherheit. Es sind viele, alle kennen Bannas und geben Auskunft. In der Zusammenschau aller Details wird dann das große Ganze daraus, der Bannas-Vierspalter mit kursiver Überschrift oder der "FAZ"-Nachrichtenbericht mit den vielen Konjunktiven – böte, schlüge vor. Früher in Blei geschlagene Frankfurter Tradition, die Bannas auch heute vertritt, im digitalen Zeitalter.

Bannas findet Columbo-gleich den Übeltäter, den Verursacher, er seziert das politische Feld wie einen Tatort. Und ist dabei eine Instanz auch für die nächste Generation. "Bannas ist da", sagen die 30-Jährigen in der Sondierungsnacht und wissen, jetzt wird es wohl ernst.

Günter, ich hoffe, ich sehe Dich noch, Dich und Deinen Trench. Der Flaneur unter meinem Fenster wird mir fehlen. 

Dieter Wonka, RedaktionsNetzwerk Deutschland:

"Sodann", Günter Bannas. Wer übernimmt wohl nach dir das schöne altdeutsche intellektuelle Schlüsselwort "sodann" mit ähnlicher journalistischer Entschlossenheit und mit dem festen Willen zur notwendigen Fairness? 

Die Abläufe zu erklären, scheinbar Belangloses tiefschürfend auf die prozesshafte Logik für den gesellschaftspolitischen Zusammenhang abzuklopfen, wirkt oft aus der Zeit gefallen.

Dein Blatt hat dir dafür Raum und Zeit gelassen. Ein Glücksfall. 300 Zeilen über Fakten, die andere ignorieren, weil sie nicht zur zehnzeiligen Klappermeldung der oft nur noch auf Alarm getrimmten Agenturmeldung taugen. 

Sodann setzt unaufgeregtes Nachdenken voraus. Es wäre eine schreckliche Journalistenwelt, bestünde sie nur aus Sodann-Analysten. Aber ohne Typen wie dich verkümmert der faire Journalismus.

JULIA ZIMMERMANN / F.A.Z. Günther Bannas mit Olaf Scholz.

Sodann ist die notwendige Trennlinie zwischen den Köchen und  den Gastrokritikern, zwischen Vereinnahmern und Widerständlern, was nie, auch gerade nicht in deinem Fall, mit Revoluzzern zu verwechseln ist.    

Wenn ich mich richtig erinnere, warst du an jenem historischen Abend von Magdeburg staunend bei den Grünen im Bundesversammlungssaal geblieben, preußisch die Pflicht erfüllend, als zu mitternächtlicher Stunde eine entschlossene Gruppe fünf D-Mark pro Liter Benzin zur Parteiforderung erhoben. Zur gleichen Zeit ergötzten sich mit mir einige Sesselstrategen in der Kneipe an Joschkas gewaltigen Analysen der großen Lage der Nation und der Welt. Kurz darauf schauten wir recht belämmert auf dein Sodann, weil es so natürlich wieder einmal nichts wurde mit der schönen neuen Welt. 

Mittendrin statt nur dabei, ohne Teil des mächtigen Apparates zu werden, ist eine Leistung. Für viele mag das unmodern sein, trotzdem bleibt es nachahmenswert. Gleichwohl darf es gern dabei auch mal prickelnd zugehen, man muss ja nicht nur die FAZ lesen. Und den trockenen Witz hast du fast immer konkurrenzlos gut beherrscht.

Wir beide haben ähnlich lang auf das Geschehen der politischen Republik geschaut. Ein Orientierungspunkt warst du von Anfang an – ein Alptraum für die Liebhaber der vorschnellen Zeile mal eben so.

Hartmut Palmer, ehemals DER SPIEGEL:

Ja älter ich werde, desto gezielter lese ich Zeitung. Und zwar wähle ich die Artikel eigentlich nur noch nach Autoren aus. "FAZ"-Artikel mit dem Kürzel "ban" waren immer und sind auch heute noch Pflichtlektüre. Aber ich kenne Günter Bannas nicht nur aus dem politischen, sondern auch aus dem wirklichen Leben. Denn wir teilen eine Leidenschaft: Wir lieben Köln und den Kölner Straßenkarneval. 

Leider fehlte in seinem Arbeitsvertrag der Zusatz, den mir Rudolf Augstein seinerzeit per Handschlag zugestanden hat: Dass nämlich die Zeit zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag tabu und die Redaktion nicht befugt ist, an diesen Tagen auf meine Mitarbeit zuzugreifen. Deshalb musste Günter – zum Beispiel beim Rücktritt des Bundespräsidenten Christian Wulff – zu seinem Leidwesen manchmal seinen Karnevals-Aufenthalt unterbrechen.

Unvergessen sein wunderbarer Artikel über die Severinstraße – die Magistrale der Südstadt, über die jedes Jahr der Karnevalszug rollt, an der auch das Stadtarchiv lag und direkt gegenüber "sein" Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Dass das Stadtarchiv nur eine Woche nach Karneval einstürzte, das Gymnasium aber verschont blieb, hat ihn bestimmt in der in Köln weitverbreiteten Überzeugung bestärkt, dass es doch so etwas wie eine Vorsehung geben muss.

Lieber Günter, man kann dich jetzt demnächst zwar nicht mehr lesen. Aber wohin es dich auch immer verschlägt: Wenn das Trömmelchen geht im Karneval, wirst du wieder zur Stelle sein. Denn du gehörst zu den Menschen, die wissen, dass Kölsch mehr ist als nur ein Getränk und ein Dialekt. Es ist vor allem eine Geisteshaltung. In diesem Sinne: Alles Gute und Kölle Alaaf!


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